Wahlen

Der Herausforderer punktet

Sozialist Hollande hat den ersten Wahlgang gewonnen. Frankreichs Präsident ist er noch nicht

- Noch einmal fünf Jahre Nicolas Sarkozy oder dann doch lieber der bodenständige, aber blass wirkende Sozialist François Hollande? Das ist jetzt die große Frage in Frankreich. Aus der ersten Runde der Präsidentenwahl ging erwartungsgemäß der Herausforderer als Sieger hervor. Alles deutet nun darauf hin, dass Hollande den Amtsinhaber Sarkozy auch in der Stichwahl in zwei Wochen schlagen kann. Sarkozy gilt in Umfragen als "unbeliebtester Präsident" in der Geschichte der 1958 gegründeten fünften Republik.

Überraschend viele Stimmen erhielt zudem die Kandidatin der rechtsextremen Front National, Marine Le Pen. Da aber keiner der insgesamt zehn angetretenen Kandidaten am Sonntagabend über die Marke von 50 Prozent kam, ist eine Stichwahl am 6. Mai erforderlich. Auch dort liegt allerdings Hollande Umfragen zufolge in Führung.

Hollande kam nach der Auszählung von 85 Prozent der Stimmen auf 28,2 Prozent, Sarkozy auf 27 Prozent. Auf Rang drei mit unerwarteten 18,6 Prozent folgt Marine Le Pen. Damit bestätigte sich die Rangfolge aus den Umfragen der vergangenen Wochen, wenn auch Hollande ein etwas größerer Vorsprung vor Sarkozy und Le Pen weniger Stimmen vorausgesagt worden waren. Darin hatte Hollande stets auch für den Fall einer Stichwahl gegen Sarkozy vorn gelegen, teils mit zehn Prozentpunkten Vorsprung. Le Pens hoher Wert überraschte viele Experten.

Sarkozy hatte bei der letzten Wahl 2007 in der ersten Runde 31,18 Prozent der Stimmen erreicht, seine damalige sozialistische Gegenkandidaten 25,87 Prozent. Insgesamt 44,3 Millionen wahlberechtigte Franzosen waren aufgerufen, ihre Stimme für einen der zehn Kandidaten abzugeben.

In der deutschen Regierung wird der erbitterte Machtkampf im wichtigsten EU-Partnerland mit Sorge beobachtet. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) droht im Ringen um mehr Finanzdisziplin, ihren wichtigsten Verbündeten zu verlieren. Denn Hollande hat angekündigt, den mühsam geschnürten EU-Fiskalpakt neu verhandeln zu wollen. Mit dem 57-Jährigen käme 17 Jahre nach dem Ende der Amtszeit von François Mitterrand erstmals wieder ein Sozialist an die Macht.

Mit Sigmar Gabriel auf Du

Mit SPD-Chef Sigmar Gabriel ist Hollande längst auf Du. Die deutschen Sozialdemokraten gehören zur selben Parteienfamilie wie die französischen Sozialisten. Sie setzen darauf, dass ein linker Wahlsieg in Frankreich den Trend für weitere Wahlen in Europa vorgeben könnte.

Sarkozy hatte bis zuletzt gehofft. Dass er der Kandidat einer "stillen Mehrheit" ist, dass die Wähler die Umfrageinstitute Lügen Strafen und dass er - wie alle seine Amtsvorgänger - zumindest die erste Abstimmungsrunde gewinnt. "Ich werde ein anderer Präsident sein", versprach er den 44,5 Millionen wahlberechtigten Franzosen mit Blick auf seine viel kritisierte Amtsführung und verwies auf seine mutigen Reformen wie die Anhebung des Rentenalters.

Doch viele, die ihm vor fünf Jahren noch ihre Stimme gaben, glauben ihm nicht mehr. Mit seiner großen Nähe zu Wirtschaftselite und Showbiz sowie einer teilweise als arrogant empfundenen Amtsführung stieß er vor allem die einfachen Franzosen vor den Kopf. "Ich habe genug vom Bling-Bling-Präsidenten und der Koalition der Reichen", kommentierte eine 63 Jahre alte Rentnerin am Wahlsonntag in Saint-Denis bei Paris. Hollande müsse allerdings aggressiver werden, wenn er als Präsident bestehen wolle.

Hollande muss nun die Wähler der extremen Linken motivieren. Deren Spitzenkandidat Jean-Luc Mélenchon sicherte dem Sozialisten zwar seine Unterstützung zu. Doch zugleich verspottete er ihn: "Warum soll man mitten im Sturm einen Tretbootkapitän wie Hollande wählen?" "Ich bin heute der am besten Platzierte, um der nächste Präsident der Republik zu werden", sagte der Wahlsieger am Abend. "Am 6. Mai will ich einen Sieg, einen schönen Sieg." Europa müsse eine neue Orientierung in Richtung auf Wachstum und Arbeitsplatzbeschaffung gegeben werden. Hollande dürfte diesmal von der hohen Wahlbeteiligung profitiert haben. Experten rechneten mit mindestens 80 Prozent. 2007 hatten 83,8 Prozent der wahlberechtigten Franzosen ihre Stimme abgegeben.

Sarkozy hat nun die Hoffnung, dass er die Anhänger des Zentrumspolitikers François Bayrou auf seine Seite ziehen kann. Dieser machte bislang aber keine Anstalten, eine entsprechende Wahlempfehlung auszusprechen. Als sicher gilt Sarkozy nur die Unterstützung durch einen Teil der Wählerschaft von Marine Le Pen.

Die konservativen Anhänger der rechtsextremen Front National hatten Sarkozy bereits 2007 zum Wahlsieg gegen Hollandes frühere Lebensgefährtin Ségolène Royal verholfen. Entsprechend verlief Sarkozys Auftritt am Abend. Im Namen der Vaterlandsliebe sollten sich die Franzosen um ihn scharen, rief er seinen Anhängern zu. "Es wird darum gehen, wer die Verantwortung für unser Leben übernehmen wird und die Franzosen in den kommenden fünf Jahren verteidigen wird." Das Ergebnis bezeichnete er als "Votum der Krise" und versprach, alle Energien zu mobilisieren.

"Unser Kampf beginnt erst jetzt"

Wie viele Unterstützer er bekommt, ist allerdings fraglich. Denn Le Pen geht mit dem besten Ergebnis für den Front National aller Zeiten als starke Frau aus der ersten Wahlrunde hervor - und sie weiß das für sich zu nutzen. "Unser Kampf um Frankreich beginnt erst jetzt", sagte sie am Abend vor Anhängern und gab sich als "einzige Opposition Frankreichs". Sie habe die beiden großen Parteien "der Banken und der Finanzvorstände" explodieren lassen. Mit diesem Tag habe eine neue Ära der "Patrioten und der Liebe zu Frankreich" begonnen.