Prozess

Auftritt eines Massenmörders

In Oslo hat der Prozess gegen Anders Behring Breivik begonnen. Die Staatsanwaltschaft führt zum Auftakt erschütternde Dokumente vor

- Um 13.48 Uhr ist Norwegen wieder auf Utøya. Der Staatsanwalt Svein Holden lässt die Aufzeichnung des Polizeinotrufs eines 22-jährigen Mädchens abspielen, das am 22. Juli 2011 auf der Insel war. "Hier fallen Schüsse auf Utøya, Tyrifjorden. Alle sind in Panik", flüstert sie um 17.26 Uhr ins Telefon. Sie versteckt sich auf der Toilette des Kaffeehauses. Im Hintergrund peitschen Schüsse. "Bleib dran, leg nicht auf!", sagt der Polizist. Das Mädchen schluchzt. Dann schreit sie plötzlich, weitere Schüsse sind zu hören. Allein diese töten 13 Jugendliche. Das Mädchen überlebt. Und der, der geschossen hat, sieht stur geradeaus im Saal 250 des Osloer Gerichts, verzieht die Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln.

Solche Szenen gibt es viele an diesem ersten Prozesstag gegen Anders Behring Breivik. Die Staatsanwaltschaft verliest die Anklage gegen den 33-Jährigen, der im vergangenen Jahr bei einen Bombenanschlag im Regierungsviertel der Hauptstadt acht Menschen tötete und anschließend auf der 30 Kilometer entfernten Insel Utøya weitere 69 Menschen, die an einem Zeltlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF teilnahmen, erschoss. Nun muss sich Breivik vor Gericht verantworten.

Vor dem Gebäude versperren schwarz verhängte Bühnen die Sicht auf den grauen Quader in Oslos Stadtmitte, zwei Pavillonzelte stehen vor dem Eingang, vor ihnen hat sich eine lange Schlange gebildet, die bis um die Hausecke reicht. Es ist Montagmorgen, 7.25 Uhr. Die Journalisten, die über den Prozess berichten wollen, müssen früh dran sein. 1000 aus dem In- und Ausland haben sich angesagt.

Nur Hinterbliebene und Reporter haben Zugang zu den Besucherplätzen im Saal, die heimischen Medien berichten mit Livetickern und Interviews aus den Sälen und Fluren des Gerichts. Die Verhandlung wird für die Journalisten in mehrere Räume innerhalb und außerhalb des Hauses übertragen.

Handschlag für die Psychiater

Der Massenmörder hat nichts zu befürchten, alle müssen strenge Sicherheitskontrollen durchlaufen, ein Sprengstoffhund schnüffelt die Etagen nach Bomben ab. Vor Beginn der Verhandlung schütteln die vier Psychiater im Saal die Hand des Angeklagten wie die eines guten Bekannten und lächeln freundlich. Sie begleiten die Verhandlung als Sachverständige und beobachten ihren Klienten, um gegebenenfalls ihre Erkenntnisse anzupassen. Zwei halten ihn für unzurechnungsfähig, die anderen kommen zum gegenteiligen Ergebnis. Doch um diese Frage geht es erst zum Schluss, wenn alles gesagt ist und die Richter sich ihre Meinung gebildet haben.

Und die Vorsitzende Richterin Wenche Elisabeth Arntzen lässt keinen Zweifel daran, dass es eine Breivik-Show bei ihr nicht geben wird. "Ich erkenne das norwegische Gericht nicht an", sagt Breivik um 9.07 Uhr, als Arntzen ihn fragt, ob er sich schuldig bekenne. "Sie sind mit der Schwester von Gro Harlem Brundtland befreundet", sagt er noch. Die Sozialdemokratin Brundtland war bis 1994 Ministerpräsidentin Norwegens. Daraufhin wendet sich die Richterin gleich an den Verteidiger. "Herr Lippestad, möchte die Verteidigung einen Befangenheitsantrag gegen meine Person stellen?" Der Anwalt rutscht auf seinem Stuhl herum. "Nein", druckst er und wirkt nicht übermäßig glücklich mit diesem Auftakt.

Das Wort haben dann die beiden Staatsanwälte Svein Holden und Inga Bejer Engh. In der nüchternen Sprache der Juristen listet Engh die Toten und Verletzten des Tages auf. Jeder Name wird verlesen, jede Todesursache aus dem Obduktionsbericht genau benannt. Es dauert mehr als eine Stunde, bis jedes Opfer erwähnt worden ist. Im Saal schluchzen die Angehörigen, in der Pause bricht ein Mädchen zusammen. Der Mann mit dem gold-braunen Schlips setzt sein Pokerface auf.

Ergriffen vom Propagandafilm

Als Holden seinen Lebenslauf referiert, senkt Breivik den Blick. Vier Firmen hat er gegründet, viermal ging es schief. Zeitgleich entwickelt er einen manisch wirkenden Islamhass, fantasiert etwas von einer "marxistisch-islamistischen" Verschwörung gegen Europa, das er wahlweise als "EUSSR" oder "Eurabia" bezeichnet. In einem Internetvideo legt Breivik seine kruden Thesen dar und gibt den Blick in seine Gedankenwelt frei.

Ob er merkt, dass er umringt von Menschen ist, die gegensätzliche Lebensentwürfe zu seinem haben? Zwei seiner Verteidiger sind etwa so alt wie Breivik, die beiden Staatsanwälte nur ein paar Jahre älter. Sie repräsentieren genau das junge moderne Norwegen, das er als Vernichtungsziel auserkoren hatte.

Und Breivik? Gefühle immerhin kann er zeigen - wenn es um ihn geht. Als Holden das Video zeigt, greift sich der Angeklagte in die Augen und weint, offenkundig ergriffen von seinem zwölfminütigem Propagandafilmchen. Svenn Torgesen ist erfahrener Rechtspsychiater und meint, dass Breivik aus Selbstmitleid heult. "Das ist ein klares Zeichen für einen unglaublich großen Egoismus", sagt er. "Als er die Namen der Getöteten hört, bleibt er ganz ruhig, aber als sein Film gezeigt wird, wird er weich und schwach", sagt Torgesen der Zeitung "Aftenposten".

Dafür halten die Beobachter im Saal die Luft an, als etwa Staatsanwalt Holden die Videos aus den Überwachungskameras im Regierungsviertel zeigt. Sie zeigen, wie Breivik mit einem weißen Lieferwagen vor dem Gebäude Høyblokka vorfährt und direkt am Eingang parkt. Knapp eine Tonne Sprengstoff hat er im Auto versteckt, eine sieben Minute lang brennende Lunte soll die Bombe in die Luft jagen. In aller Seelenruhe geht Breivik in einer Polizeiuniform zu seinem Fluchtwagen, den er zuvor ein paar Straßen weiter geparkt hat. Die Kameras laufen weiter.

Sie zeigen Passanten, die am Auto vorbeilaufen. Ein Motorradfahrer, der aus der Tiefgarage nebenan herausfährt. Autos, Spaziergänger, Menschen, die am Auto vorbei ins Gebäude gehen. Noch drei Minuten. Noch eine Minute. Man möchte sie instinktiv warnen, ihnen etwas zurufen. Es ist kaum auszuhalten. Als ein Mann gerade auf der Höhe des Wagens in das Regierungsgebäude hineingeht, explodiert die Bombe.

"Er hat in Notwehr gehandelt"

Wie beim Anruf des Mädchens von Utøya, der dann abgespielt wird, wirkt die Ausweglosigkeit der Situation, der unbedingte Vernichtungswille Breiviks bedrückend - und manchmal auch bizarr, wenn etwa seine Anrufe von der Insel bei der Polizei eingespielt werden. Zweimal rief er von seinem Mobiltelefon an, angeblich, um sich zu stellen. "Hier ist Kommandeur Breivik", meldet er sich zackig. "In welcher Einheit sind Sie denn?", fragt die Polizistin so verblüfft wie arglos. "Das ist ein Zusammenschluss von Kämpfern gegen die Islamisierung von Norwegen und den kulturellen Marxismus", sagt er. "Ähem, ach so", sagt die Polizistin nur, die zu diesem Zeitpunkt annehmen muss, einen Spinner in der Leitung zu haben. Doch Breivik hat da schon Dutzende Menschen ermordet, die meisten mit mehr als drei Schüssen, vielen schoss er ins Gesicht.

In 31 Verhören, die 37 Stunden dauerten und 1137 Seiten Protokollseiten füllten, haben Staatsanwaltschaft und Polizei versucht, Breiviks Motivlage zu klären. Am Ende des ersten Prozesstages spricht sein Anwalt Geir Lippestad. "Er hat in Notwehr gehandelt und erklärt sich für nicht schuldig", sagt er. Lippestad äußert Verständnis für den Wunsch der Angehörigen, den Breivik-Äußerungen nicht allzu viel Raum zu geben. Doch es sei das "Menschenrecht des Angeklagten, sich zu erklären". Außerdem werde die Aussage Breiviks ein wichtiges Beweismittel sein. "Wir wollen, dass er für zurechnungsfähig erklärt wird", sagt der Anwalt. Von Dienstag an will der Angeklagte die Gründe für seine Morde darlegen. Es soll fünf Tage dauern, immer von 9.30 bis 16 Uhr.