Religion

Der Buchclub der Salafisten

Radikale Islamisten verteilen kostenlose Korane. In der Politik sorgt das für Unbehagen, doch die Berliner reißen sich um die Bücher

- Umringt von Kameraleuten und Reportern stehen zehn bärtige Männer an einem Stand am Potsdamer Platz. In ihren T-Shirts mit dem aufgedruckten Aktionstitel "Lies!" wirken sie auf dem weiten Platz fast verloren. Eine Frau, die sich das Treiben aus einiger Entfernung anschaut, sagt: "Das alles kommt mir ziemlich aufgebauscht vor." 1500 Gratis-Korane in deutscher Sprache haben die Anhänger der radikal-islamistischen Salafisten allein in Berlin verteilt. Der Verfassungsschutz beobachtet die Aktion, die am Wochenende in mehreren deutschen Städten stattfand, kritisch, nennt sie ein Propaganda-Projekt.

Große Nachfrage

Dennoch rissen die Berliner den Männern mit den Bärten die kostenlosen Bücher nahezu aus den Händen. Wegen der großen Nachfrage trafen bis in die Abendstunden mehrere Kleinlaster mit neuen Lieferungen ein. "Natürlich freut uns der Erfolg unserer Aktion sehr", sagte Organisator Reda Seyman. "Durch das Verteilen des Korans möchten wir den Deutschen klar machen, dass unsere Religion eine Bereichung für die Bundesrepublik ist." Seyman hat das Treiben auf dem Potsdamer Platz mit seiner Videokamera gefilmt, den Beitrag wolle er auf der Internetseite seiner Bewegung zeigen. Schließlich seien "etliche Bürger zu uns gekommen, um ihr Interesse an unserer Religion zu bekunden".

Seyman ist umstritten. In Expertenkreise ist er als Extremist bekannt und soll Verbindungen zum terroristischen Netzwerk al-Qaida unterhalten. Er wird auch verdächtigt, zu den Hintermännern des Sprengstoffattentats in Bali zu gehören.

Die meisten Menschen in Berlin zeigten sich in erster Linie interessiert an dem Buch und konnten nichts Schlimmes an der Aktion der rechts-islamistischen Gruppierung finden. "Das hier ist keine politische Aktion", sagte Waldemar Karlchert. Wenn die Bibel verteilt würde, sei das ja auch kein Problem, sagte der 55-Jährige aus Zehlendorf. Viktoria Aharonov, die mit ihren drei Kindern zum Stand gekommen war, begründete ihr Interesse an den Aktivitäten der Glaubensgruppe damit, "verstehen zu wollen, was im Koran überhaupt steht".

Die Tatsache, dass so viele Berliner zum Treffpunkt der "vermeintlichen Terroristen" gekommen waren, ärgert Lena D. aus Spandau. Die 24 Jahre alte Studentin hatte sich mit einem Plakat auf den Potsdamer Platz gestellt und versuchte mit ihrem Aufruf "We don't need your lies!" (Wir brauchen eure Lügen nicht), eine Gegenbewegung in Gang zu setzen. Der große Protest in Form von Demonstrationen blieb aber aus. "Und genau das", sagte Robert B. aus Wedding, "kann ich überhaupt nicht nachvollziehen." Der 29 Jahre alte IT-Spezialist aus Charlottenburg verfolgt seit mehreren Monaten die Aktivitäten der Salafisten in deren Foren im Internet. "Natürlich haben die Herrschaften hier das Recht, den Koran zu verteilen und über ihren Glauben aufzuklären", so Robert B. "Aber im Endeffekt wollen sie mit ihren Machenschaften doch nur die freiheitliche Grundordnung in Deutschland zerstören."

Auch auf politischer Ebene stößt die Aktion der Salafisten auf großes Unbehagen. Der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, hält mehr Aufklärung über "die wahren Absichten" der radikal-islamischen Salafisten für nötig. Die Beobachtung der Szene in Deutschland durch den Verfassungsschutz sei eine wichtige Voraussetzung, um Straftaten frühzeitig zu erkennen, sagte Ziercke der Berliner Morgenpost.

Mehr Aufklärung gefordert

"Dass der Salafismus mit seiner Ideologie zum Radikalisierungsprozess von Menschen beitragen kann, hat beispielsweise der Anschlag auf US-Soldaten am Frankfurter Flughafen im letzten Jahr gezeigt", fügte Ziercke hinzu. Das bedeute nicht, dass jeder Salafist mit terroristischen Aktivitäten in Verbindung zu bringen sei. Gleichwohl beobachteten die Sicherheitsbehörden diese Szene sehr intensiv, da der Salafismus die pluralistische Gesellschaft zumeist ablehne.

Thomas Oppermann, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, erklärte, zwar müsse die friedfertige Verteilung des Korans in einer Demokratie hingenommen und toleriert werden. Das eigentliche Ziel der Salafisten sei aber der gewaltsame Kampf gegen "Ungläubige". Dies sei nicht durch die Meinungs- und Religionsfreiheit gedeckt. Die Verteilung des Korans dürfe nicht als Deckmantel zur Rechtfertigung von Gewalt benutzt werden, erklärte Oppermann in Berlin. Auch Volker Beck, Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen Bundestagsfraktion, fordert mehr Aufklärung über die Salafisten. Deshalb solle an den Schulen islamischer Religionsunterricht flächendeckend angeboten werden. Beck: "Wer über seine Religion Bescheid weiß, fällt nicht so leicht auf fundamentalistische Rattenfänger herein."