Die SPD und Günter Grass

"Ein unbequemer wie gern gesehener Gast"

Die SPD ringt um das Verhältnis zu Günter Grass, der ihr bisher in vielen Wahlkämpfen half

- Nach seinen politischen Erfolgen befragt, antwortete Günter Grass 2009 in einem Interview: "Ich bin auch stolz, dass Gerhard Schröder, bei aller Kritik an seiner Kanzlerschaft in anderen Bereichen, auf meinen Rat gehört hat, sich aus dem Irak-Krieg herauszuhalten."

Der Schriftsteller als politischer Berater, der dem SPD-Kanzler 2002 zur Wiederwahl verhalf - wie viel Wahrheit in diesem Bild steckt, das Grass da von sich selbst zeichnet, ist kaum überprüfbar. Den Wunsch nach politischem Einfluss aber hat der Nobelpreisträger noch heute. Doch die Partei, für die Grass jahrzehntelang Wahlkampf machte und die seine Dienste gern in Anspruch nahm, geht auf Distanz zu ihm. Dem Gedicht "Was gesagt werden muss", in dem Grass vor einem atomaren Angriff Israels auf den Iran warnt, mag kein Sozialdemokrat das Wort reden. Im Gegenteil: Inzwischen bezweifeln SPD-Politiker, dass Grass je wieder für ihre Partei Wahlkampf machen wird. Es droht das Ende einer Freundschaft.

Die SPD-Spitze im Willy-Brandt-Haus würde dies gern verhindern. Vor allem soll sich die inhaltliche Diskussion um Grass' Gedicht nicht auf die Partei ausweiten. Der Vorsitzende Sigmar Gabriel schweigt - und schickt die Generalsekretärin vor. Andrea Nahles hatte Grass' Äußerungen schon gleich nach Beginn der Debatte als "irritierend" bezeichnet. In der Sache bleibt sie dabei und nennt es abermals "unangemessen", Israel als eine Gefahr für den Weltfrieden zu bezeichnen oder die israelische Politik mit der des Iran zu vergleichen. Aber sie versucht, die Verbindung zwischen dem Autor und der SPD zu halten. Grass sei immer ein streitbarer Literat gewesen, und natürlich müsse man mit ihm über sein Gedicht streiten, sagt Nahles. Aber: "Auch wenn wir in dieser Frage gegensätzliche Auffassungen vertreten, bleibt Günter Grass ein ebenso unbequemer wie gern gesehener Gast. Innerhalb und außerhalb von Wahlkampfzeiten."

Die Verbindung zwischen Grass und der SPD begann erstmals 1961, als der Schriftsteller Willy Brandt in dessen erstem Bundestagswahlkampf unterstützte. 1969 dann reiste Grass ein halbes Jahr lang mit dem VW-Bus für Brandt quer durch Deutschland.

Sozialdemokraten selbst waren es jetzt, die das Verhältnis zu Grass infrage stellten. Nach den Bundestagsabgeordneten Reinhold Robbe und Christian Lange lehnte auch der frühere Hamburger Bürgermeister Hans-Ulrich Klose einen erneuten Einsatz von Grass im Wahlkampf ab.

Was die laufenden Landtagswahlkämpfe in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen anbelangt, so hatte die SPD in Kiel tatsächlich bei dem Schriftsteller angefragt, schließlich lebt Grass in der Nähe von Lübeck. Er sollte in der kommenden Woche in Neustadt in Holstein an einer Podiumsdiskussion zur Kulturpolitik teilnehmen, aber der Gast hatte keine Zeit und sagte noch vor der Kontroverse um sein Gedicht ab. Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse verwies auf Grass' Alter und bezweifelte, dass dieser mit seinen 84 Jahren überhaupt noch einmal Wahlkampf mache. Deutlicher wurde der schleswig-holsteinische SPD-Chef Ralf Stegner. Zur Meinungsfreiheit gehöre auch, dass man falsche Dinge sagen dürfe, so Stegner.

Gute Nachrichten für Grass kamen unterdessen aus Stockholm: Die Schwedische Akademie sieht keinen Anlass, ihm den Literaturnobelpreis abzuerkennen. "Es gibt keine und es wird keine Diskussion an der Schwedischen Akademie geben, ihm seinen Preis zu entziehen", sagte der Sekretär Peter Englund.