Massenmörder Anders Breivik

"Er bereut, nicht weiter gegangen zu sein"

Anders Breivik ist laut einem zweiten Gutachten voll zurechnungsfähig. Das erste nannte den Norweger schizophren

- Er würde es wieder tun. Anders Behring Breivik gibt zu, 77 Menschen kaltblütig ermordet zu haben. Für Norwegen die schlimmste Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg - ein unfassbares Massaker, welches das Land im vergangenen Sommer in seinen Grundfesten erschütterte. Doch der 33 Jahre alte Attentäter bedaure einzig, "nicht weiter gegangen zu sein", sagt sein Anwalt Geir Lippestad. "Könnte er wählen, würde er dasselbe noch einmal tun." Und Schlimmeres.

Ein neues psychiatrisches Gutachten hat Breivik nun als voll zurechnungsfähig eingestuft und damit einer ersten Einschätzung widersprochen. Der 33-jährige Attentäter habe während seiner Taten nicht an einer Psychose gelitten, erklärten die mit der Untersuchung beauftragten Gutachter am Dienstag in Oslo. Breivik sei aufgrund dieser Einschätzung für seine Taten verantwortlich, erklärten die beiden Psychiater Agnar Aspaas und Terje Törrissen in der von dem Osloer Gericht veröffentlichten Mitteilung. Es bestehe zudem ein "hohes Rückfallrisiko" des Attentäters. Vor Journalisten sagte Törrissen, die beiden Psychiater hätten "genauso viel, wenn nicht noch mehr Material" für ihre Einschätzung zur Verfügung gehabt wie ihre mit der Erstellung des ersten Gutachtens beauftragten Kollegen.

Schicksalstag wie "9/11"

In dem ersten Gutachten war Breivik zunächst wegen "paranoider Schizophrenie" für unzurechnungsfähig erklärt worden. Dadurch würde er nicht zu einer Haftstrafe in einem Gefängnis verurteilt werden können. Er würde in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen werden. Letztlich entscheiden aber die Richter über die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten; die Gutachter haben nur eine beratende Funktion. Der Prozess gegen Breivik wegen Terrorismus und Mordes beginnt am 16. April.

Für ihr Gutachten werteten Aspaas und Törrissen elf Interviews mit dem Angeklagten, Einschätzungen einer dreiwöchigen ständigen Beobachtung sowie die Protokolle der Polizeiverhöre aus. Die zweite Untersuchung war nach heftigen Protesten von Anwälten der Opfer von der Justiz angeordnet worden.

Dass das neuerliche Gutachten den 33-Jährigen für zurechnungsfähig erklärt, dürfte im Sinne der Verteidigung sein: Demnach ist es der Wunsch des Angeklagten, nicht als schizophren eingestuft zu werden. Breivik ist der Auffassung, dass ansonsten seine Ideologie in Zweifel gezogen werden könnte. Kürzlich erklärte er zudem, in einer geschlossenen Anstalt zu sein, sei "schlimmer als der Tod".

Die norwegische Staatsanwaltschaft wollte sich am Dienstag nach Bekanntwerden des neuen Gutachtens nicht zu ihren möglichen Forderungen äußern. Sollten die Bedingungen für eine Haftstrafe sprechen, werde diese auch gefordert, und wenn nicht, werde die Anklage für die Einweisung in eine geschlossene Anstalt plädieren, erklärten die mit dem Fall beauftragten Staatsanwälte. Die endgültige Position der Staatsanwaltschaft hänge von den im Prozess vorgelegten Beweisen und den Aussagen des Angeklagten ab.

Für die meisten Norweger ist der 22. Juli längst genauso zu einem Schicksalstag geworden wie "9/11" - die Terroranschläge vom 11. September 2001 - für die Amerikaner. Breivik traf mitten ins Herz der norwegischen Hauptstadt: Im sommerlich trägen Osloer Regierungsviertel explodierte eine gewaltige Bombe - acht Menschen sterben, Hunderte werden verletzt, Bilder wie im Krieg. Danach das blutige Massaker an Kindern auf der Ferieninsel Utøya. Die Anklageschrift listet jedes Todesopfer mit Fundort und Verletzung auf. Beide Verbrechen seien als Terrorakte zu werten, sind die Staatsanwälte überzeugt. "Der Angeklagte hat ein sehr ernstes Verbrechen in einem noch nie da gewesenen Ausmaß begangen", schreiben sie. Gefordert wird die Höchststrafe von 21 Jahren Haft oder die Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt.

Die wichtigste Frage bleibt: Ist Breivik ein kühl kalkulierender Mörder oder ein ideologisch verwirrter Wahnsinniger? Zehn Wochen lang soll Breivik vor Gericht stehen, das Urteil rechtzeitig vor dem ersten Jahrestag des Attentats fallen. 46 Überlebende des Utøya-Blutbades sollen aussagen. Sie freue sich nicht darauf, fühle sich aber verpflichtet, sagte die 18-jährige Marte Fevang Smith der Zeitung "Dagbladet". "Ich muss erzählen, was die anderen nicht mehr können." Die Verteidiger wollen rund 40 Zeugen aufrufen, unter anderem Experten für politische Ideologien und Islamisten.

Massenmörder spricht von Notwehr

Auch Breivik selbst darf eine Woche lang über seine ideologischen Motive sprechen. "Wir wollen versuchen, seine Erklärung auf das zu begrenzen, was relevant für den Prozess ist", kündigt Ankläger Holden an. Bei einer Anhörung hatte Breivik seine sofortige Freilassung und die Nominierung für einen Kriegsorden verlangt. Er habe "in Notwehr im Namen meines Volkes, meiner Kultur und meines Landes gehandelt". Medien erwarten den größten Prozess in der Geschichte Norwegens. Breiviks Opfer stammten aus dem ganzen Land. Für ihre Angehörigen wird der Prozess in zahlreichen Gerichtsgebäuden live übertragen. Der Osloer Gerichtssaal wurde für den Besucher- und Medienansturm umgebaut - unter anderem mit einer schusssicheren Glasscheibe, die Breivik vor möglichen Racheakten schützen soll.

Während Opfer und Hinterbliebene endlich Frieden finden wollen, schreibt der mutmaßliche Massenmörder aus dem Gefängnis von einer "absolut einmaligen Möglichkeit, der Welt meine Ideen zu erklären".