Pressestimmen

"Der Kern der Zwiebel ist braun und riecht übel"

Wie drei große Zeitungen das Gedicht von Günter Grass kommentieren - Auszüge

Mathias Döpfner in der "Bild"-Zeitung

Dass nun ausgerechnet ein deutscher Schriftsteller den Israelis erklärt, dass der Maulheld harmlos ist und die einzige echte Demokratie im Nahen Osten den Weltfrieden gefährdet, ist inakzeptabel. "Warum aber schwieg ich bislang?", schreibt Grass. Man möchte zurückfragen: Warum schwieg er 60 Jahre lang zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS? "Gealtert und mit letzter Tinte" (Grass über Grass) verbreitet er im raunenden Ton des Moralisten nur eines: politisch korrekten Antisemitismus. Er versucht, die Schuld der Deutschen zu relativieren, indem er die Juden zu Tätern macht. Beim "Häuten der Zwiebel", wie Günter Grass seine Autobiografie genannt hat, ist er jetzt ganz innen angekommen. Und der Kern der Zwiebel ist braun und riecht übel. Interessant ist ab jetzt nicht mehr, was Grass gesagt hat, sondern nur noch, wie die Deutschen darauf reagieren.

Thomas Steinfeld in der "Süddeutschen Zeitung"

In der Sache wird man Günter Grass an vielen Punkten widersprechen. Bis zu einem israelischen "Erstschlag", also zu einem initialen Angriff der Israelis mit Atomwaffen, reichen bislang selbst die schwärzesten politischen Fantasien nicht, ebenso wenig scheint ein "Auslöschen" des iranischen Volks (Günter Grass wird dieses Wort gewählt haben, weil darin der Holocaust anklingt) anzustehen. Aber diese Übertreibungen haben etwas mit der Gedichtform zu tun: Denn sie sind nicht nur Ressentiment, einseitige, dramatisierte Wahrnehmung. In ihnen spricht sich vielmehr die Eigenart des Schriftstellers Günter Grass aus. Schon lange ist er nicht mehr nur, was er schrieb. Schon lange ist er nicht mehr nur der Verfasser der Romane "Der Butt" oder "Ein weites Feld" ... In Günter Grass ist vielmehr die Literatur mit dem öffentlichen Auftritt des Literaten verschmolzen.

Frank Schirrmacher in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"

Hat man das Gedicht so weit auseinandergeschraubt, bekommt man es nie wieder zusammen. Nein, das ist kein Gedicht über Israel, Iran und den Frieden. Wie könnte es das sein, wo es den iranischen Holocaust-Leugner als "Maulhelden" in einer Zeile abtut und gleichzeitig doch ausdrücklich nur geschrieben ist, um Israel zur Bedrohung des Weltfriedens zu erklären? Es ist ein Machwerk des Ressentiments, es ist, wie Nietzsche über das Ressentiment sagte, ein Dokument der "imaginären Rache" einer sich moralisch lebenslang gekränkt fühlenden Generation. Gern hätte er, dass jetzt die Debatte entsteht, ob man als Deutscher Israel denn kritisieren dürfe. Die Debatte aber müsste darüber geführt werden, ob es gerechtfertigt ist, die ganze Welt zum Opfer Israels zu machen, nur damit ein fünfundachtzigjähriger Mann seinen Frieden mit der eigenen Biografie machen kann.