Kommentar

Und fremd schaut dieses Grass-Land zurück

Clemens Wergin über die Irrungen des Dichters - und die Kaltschnäuzigkeit vieler Deutscher

In der Causa Günter Grass haben sich viele blamiert. In erster Linie der Dichter selbst, dessen Drang nach Entlastung von der Schuld der Nazizeit offenbar im Alter so stark geworden ist, dass er andere menschliche Regungen wie moralische Integrität und intellektuelle Aufrichtigkeit überrannte. Aber Grass ist nicht der einzige, der sich nach diesen Tagen der aufgeregten Debatte ein paar Fragen stellen sollte.

Blamiert hat sich zum Beispiel das Erste deutsche Fernsehen. Das mit Gebührenmilliarden finanzierte Unternehmen hat es offenbar einen ganzen Tag lang nicht geschafft, einen Kommentator aufzutreiben, der in Sachen Israel und Iran faktensicher genug ist, um zu erkennen, wie Grass die Realität für seine ideologischen Zwecke hingelogen und -gebogen hat. Gesendet wurde in der "Tagesschau" dann ein Kommentar von Thomas Nehls, der genauso wenig wie Grass verstanden hatte, dass Israel Iran nicht mit Auslöschung droht (sondern dass es sich umgekehrt verhält), und dass deutsche U-Boote für Israel nicht dem Erstschlag dienen, sondern zur Bereitstellung einer atomaren Zweitschlagkapazität, also zur klassischen Abschreckung eines Angriffs mit Massenvernichtungswaffen gegen das israelische Volk. Stattdessen entblödete sich Nehls nicht, Grass für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Eine der wichtigsten Nachrichtensendungen des Landes verkam zum Slapstick.

Dass die ARD am Folgetag Günter Grass noch einmal ein Forum offerierte, seine Hetzschrift vor Millionenpublikum vorzutragen und danach nicht einmal wirklich kritisch nachfragte, rundet dieses Bild nur ab. Es ist jedenfalls bezeichnend, dass Beifall für Grass - neben dem "Tagesschau"-Kommentar - von der radikalen Linken, der radikalen Rechten und aus dem Iran kam.

Trotz der Fehlleistungen einiger Medien könnte man beruhigt sein. Die wichtigsten Zeitungen des Landes haben einen Cordon des Anstandes gegen Grass gebildet. Wirklich beunruhigend aber ist, was sich in den Kommentarspalten der Nachrichtenwebseiten abspielt. Der Hass auf Israel und auf Juden allgemein in den vielen Leserkommentaren zeigt, dass es in diesem Land Aufnahmebereitschaft für Grass-Thesen gibt. Wegen eines offenbar immer noch nicht verarbeiteten Schuldkomplexes scheint es weiter das dringende Bedürfnis in der deutschen Gesellschaft zu geben, die historische Schuld von sich zu weisen, indem man die Israelis als Verbrecher hinstellt. Als neue Nazis, die zu allem fähig sind, auch zu einem atomaren Erstschlag gegen den Iran.

Oft fällt das Argument, man werde Israel doch wohl noch kritisieren dürfen. Natürlich darf man. Aber in dem Deutschland, für das Günter Grass stellvertretend steht, geschieht das oft mit einer Kaltschnäuzigkeit und einem Mangel an Empathie, die gruseln machen.

Es gibt sehr gute Gründe gegen einen israelischen Militärschlag auf das iranische Nuklearprogramm, der, das sei noch einmal angemerkt, mit konventionellen Mitteln und nicht mit einer Nuklearwaffe erfolgen würde. Es gibt allerdings auch sehr gute Gründe, die für solch einen Angriff sprechen. Man muss Israels Premier Benjamin Netanjahu und seine Siedlungspolitik auch nicht mögen. Aber was für eine Dickfelligkeit muss man eigentlich besitzen, um sich nicht von der Tatsache berühren zu lassen, dass das jüdische Volk mehr als 60 Jahre nach dem Ende Nazideutschlands wieder mit Auslöschung bedroht wird? Eine Bedrohung, die deutsche U-Boote helfen zu begrenzen, weil sie Israel - das mit wenigen Atombomben gänzlich vernichtet werden könnte - eine abschreckende Zweitschlagkapazität ermöglichen?

Man wird den Eindruck nicht los, dass der so eilfertig betriebene Sport der Israelkritik in Deutschland letztlich dazu dient, unsere Seelen abzuhärten. Abzuhärten gegen den moralischen Skandal unserer Zeit: dass abermals ein Regime aufgestanden ist, welches dem jüdischen Volk mit Vernichtung droht. Und welches bald auch die Waffen in der Hand haben könnte, die Arbeit Hitlers zu vollenden, wenn es ihm denn gefällt.