Günter Grass

"Ist der alte Deutsche plötzlich zurückgekehrt?"

Günter Grass legt trotz der Kritik an seinem Text "Was gesagt werden muss" noch einmal nach. Der Nobelpreisträger wittert eine Kampagne

- Im Streit über sein israelkritisches Gedicht "Was gesagt werden muss" hat Literaturnobelpreisträger Günter Grass seine Gegner mit Begriffen aus der NS-Zeit angegriffen und ihnen Intoleranz vorgeworfen. "Es ist mir aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht", sagte der 84-Jährige im NDR.

Der Begriff Gleichschaltung entstammt der Terminologie der Nationalsozialisten. Sie bezeichneten damit das Ende der pluralistischen Gesellschaft. Sie lösten ehemals freie Medien, Vereine, Gewerkschaften oder Organisationen auf oder unterstellten sie der NS-Herrschaft. Zugleich sprach Grass von einer Kampagne gegen ihn und verwahrte sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus. In mehreren Interviews erneuerte er seine Kritik an der israelischen Regierung.

Politiker von Union, SPD, FDP und Grünen haben empört auf das Gedicht reagiert, in dem Grass den jüdischen Staat wegen eines drohenden Militärschlags gegen den Iran eine Gefahr für den Weltfrieden nannte. "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden", schrieb er unter dem Titel "Was gesagt werden muss". Er warf Israel auch vor, es könnte durch einen Erstschlag das gesamte iranische Volk auslöschen, nur weil vermutet werde, dass Teheran eine Atombombe baue. Dabei habe Israel selbst ein wachsendes nukleares Potenzial, das keiner Prüfung zugänglich sei.

"Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden?", schreibt Grass in dem Gedicht. Bisher habe er auch deshalb geschwiegen, weil er wegen der deutschen Nazi-Verbrechen gegen Juden glaubte, dies verbiete die Kritik an Israel. Nun könne es aber "schon morgen zu spät sein" und Deutschland "Zulieferer eines Verbrechens" werden. Grass kritisierte damit eine U-Boot-Lieferung an Israel. Durch dieses U-Boot könne Israel "allesvernichtende Sprengköpfe" auf den Iran richten.

Der Schriftsteller steht selbst wegen seiner jahrzehntelang verschwiegenen Mitgliedschaft in der Waffen-SS in der Kritik. Der der SPD nahestehende Autor gab die Episode in seinem Lebenslauf erst in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" 2006 zu.

"Verletzend und nicht würdig"

Grass bemängelte jetzt, dass sich seine Kritiker weigerten, auf den Inhalt seiner Aussagen überhaupt einzugehen. "Der durchgehende Tenor ist, sich bloß nicht auf den Inhalt des Gedichtes einzulassen, sondern eine Kampagne gegen mich zu führen und zu behaupten, mein Ruf sei für alle Zeit geschädigt", sagte er dem NDR. Es würden alte Klischees bemüht und ihm Antisemitismus unterstellt.

Im ZDF beklagte Grass: "Ich werde hier an den Pranger gestellt." Er werde seine Aussagen aber nicht widerrufen. Grass gab lediglich zu, es wäre besser gewesen, nicht von Israel generell zu sprechen, sondern nur von der derzeitigen Regierung Israels. Er hege große Sympathien für das Land und wünsche, dass es auch in Zukunft Bestand habe.

Der Zentralrat der Juden erneuerte seine Kritik an Grass. "Wer antisemitisch agitiert, wer judenfeindlich argumentiert, wer antisemitische Klischees zuhauf verwendet - was wäre der denn anderes als ein Antisemit?", schrieb Ratspräsident Dieter Graumann in einem Gastbeitrag für "Handelsblatt online". Grass' Gedicht sei ein Pamphlet von Hass und Hetze. Zudem benutze der Schriftsteller das Wort "auslöschen" und bediene sich damit des Nazi-Jargons. "Grass hat zwar die Waffen-SS verlassen, aber offenbar hat die Judenfeindschaft der Waffen-SS Grass doch niemals verlassen", bilanzierte Graumann.

Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld zitierte in einer Mitteilung aus einer Drohrede, die Hitler 1939 gegen "das internationale Finanzjudentum" gehalten habe. Sie fuhr fort, wenn man den Ausdruck "das internationale Finanzjudentum" durch "Israel" ersetze, "dann werden wir von dem Blechtrommelspieler (gemeint ist Grass, die Red.) die gleiche antisemitische Musik hören". Klarsfeld war bei der Bundespräsidentenwahl im März für die Linkspartei gegen Joachim Gauck angetreten.

Die Berliner Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller sagte am Rande einer Lesereise in Prag, Grass solle sich lieber zurückhalten: "Wenn man mal in der SS-Uniform gekämpft hat, ist man nicht mehr in der Lage, neutral zu urteilen." Dass Grass sein "sogenanntes Gedicht" an drei verschiedene Zeitungen in mehreren Ländern geschickt habe, halte sie für "größenwahnsinnig".

Herta Müller sagte zudem, sie halte Grass' Äußerung nicht für ein Gedicht. "Wenn er ehrlicher wäre, hätte er einen Artikel geschrieben. Will er, dass es Literatur ist und damit interpretierbar? Dort steht kein einziger literarischer Satz drin, also ist es ein Artikel." Ihre Kritik schloss Herta Müller mit den Worten: "Das muss er selber verantworten."

Auch die jüdische Anti-Defamation League äußerte sich empört. Abraham Foxman, Leiter der US-Organisation, warf dem Schriftsteller einen "hanebüchenen moralischen Vergleich zwischen Iran und Israel" vor. Damit enthülle Grass eine "tief sitzende Verachtung für Israel", hieß es in einer Erklärung.

"Die Gesamtwirkung dieser verzerrten Sichtweisen zusammen mit seiner lang verborgenen Zugehörigkeit zur Waffen-SS während des Zweiten Weltkriegs bestätigt Grass' antiisraelische Einstellung und legt nahe, dass er einige antisemitische Überzeugungen hegt", schrieb Foxman. "Zu einer Zeit, da die meisten verantwortlichen Länder und Menschen den Iran aufrufen, sein Atomwaffenprogramm aufzugeben, scheint Grass überzeugt, dass Israel der Übeltäter ist."

In der israelischen Zeitung "Yedioth Aharonoth" meldete sich der besorgte Publizist und Holocaust-Überlebende Eli Wiesel zu Wort. "Ich verstehe es einfach nicht und kann es nicht begreifen. Was ist da passiert? Ist der alte Deutsche plötzlich zurückgekehrt und hat sein Haupt erhoben?", fragte der Friedensnobelpreisträger. Und Anshell Pfeffer, ein Kommentator der liberalen israelischen Zeitung "Ha'aretz", beklagte die "moralische Blindheit" des Schriftstellers, deren Ursprung Pfeffer allerdings weniger in Israel-Hass oder Antisemitismus als in einem übersteigerten Ego sieht.

Der israelische Historiker Tom Segev sagte, Grass sei in der Frage, mit der er sich in dem Gedicht beschäftige, ganz offenbar inkompetent. Er wisse absolut nichts über den Konflikt mit dem Iran. Er, Segev, lese lieber Romane von Grass und Analysen zum Atomstreit von einem ehemaligen Mossad-Chef. Grass sei allerdings kein Antisemit.

Beistand erhielt Grass vom Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck. In einem freien Land müsse auch scharfe Kritik "unter Freunden" möglich sein, "ohne reflexhaft jetzt als Antisemit verdächtigt zu werden", sagte Staeck im Deutschlandradio Kultur.

Lob aus dem Iran

Grass' Verleger in Israel betonte das Recht des deutschen Schriftstellers, seine Meinung frei zu äußern. "Wir stehen zu ihm als Schriftsteller. Zu seinem Gedicht äußern wir uns aber nicht", sagte Ziv Lewis vom Verlagshaus Kinneret in Tel Aviv. Es habe nach der Veröffentlichung des Gedichts "Was gesagt werden muss" keine Anrufe von Lesern beim Verlag gegeben. "Israelis regen sich nicht so sehr darüber auf wie die Deutschen", sagte Lewis.

Im Iran äußerte sich die Regierung nicht offiziell. Die staatliche Nachrichtenagentur Irna lobte Grass wegen "eines Tabubruchs in einem Land, wo die Politik und Taten des zionistischen Regimes (Israels, die Red.) ohne Wenn und Aber unterstützt werden". Der staatlich kontrollierte Sender Press TV freute sich, dass "nie zuvor im Nachkriegs-Deutschland ein prominenter Intellektueller Israel auf so mutige Weise angegriffen hat wie Günter Grass mit seinem umstrittenen Gedicht". Ausgerechnet aus Teheran wurde dem Dichter attestiert, ihm sei "ein tödlicher lyrischer Schlag gegen Israel gelungen".

Auch in internationalen Medien wurde Grass meist scharf angegriffen - vor allem wegen seiner Vergangenheit als Mitglied der Waffen-SS. Die niederländische Zeitung "de Volkskrant" fragte: "Günter Grass war Mitglied der Waffen-SS. Ist er eine geeignete Person, solche Gedichte zu schreiben?"