Kommentar

Energieförderung wird noch viel riskanter

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Birger Nicolai über die Erdgas-Katastrophe in der Nordsee und die Lehren daraus

Doch wer die Elgin einmal besichtigt hat, weiß, dass hier die höchsten Sicherheitsstandards gelten. Am Ende dürfte es daher kaum um die Frage gehen, wie menschliches Versagen zu begrenzen ist. Vielmehr wird wieder einmal darüber diskutiert werden, ob solche riesigen Raffinerien auf dem Meer mit Bohrungen von sechs Kilometer Tiefe überhaupt beherrschbar sind.

Doch machen wir uns nichts vor: Rund ein Drittel der Öl- und Gasförderung findet heute im Meer statt, Tendenz steigend. Gut sieben Prozent davon sind Tiefbohrungen. Um an Öl und Gas heranzukommen, gehen die Ölkonzerne in Zukunft immer größere Risiken ein. Unbemannte U-Boote für die Suche nach Ölvorkommen und ferngesteuerte Bohrplattformen zur Ölförderung sind kein Science Fiction mehr - sondern in der Erprobung. Exxon, BP, Shell und andere private Konzerne verfügen über Abbaurechte für 20 Prozent der weltweiten Energievorkommen, stets unter schwierigen Voraussetzungen. Die anderen 80 Prozent liegen in Händen der Ölstaaten wie Venezuela, Russland oder in der Golfregion. Das heißt: Die Ölkonzerne werden immer öfter mit technisch herausfordernden, vielleicht die Ingenieure auch überfordernden Aufgaben zu tun haben. Tiefsee, Arktis, Schiefergas: alle Quellen und Techniken werden angegangen. Ein Beispiel: In großer Tiefe wird Gestein per "Fracking" mit Chemikalien aufgebrochen, um Erdgas herausquetschen zu können. Unser Energiebedarf rechtfertigt solche Methoden. Doch es ist kein Wunder, dass Unfälle wie jetzt vor Aberdeen zum Geschäft der Ölkonzerne gehören.

Den Firmen scheint ihr Ansehen egal zu sein. Anstatt die Rekordgewinne aus dem Ölgeschäft in die Erforschung erneuerbarer Energien zu stecken, gehen sie einen anderen Weg. Exxon etwa macht keinen Hehl daraus, dass der größte Ölkonzern der Welt nur in der Förderung seine Aufgabe sieht. BP versuchte zwar, sich ein grünes Image zu geben - ist aber in Deutschland aus der Solarenergie ausgestiegen. Ebenso Shell: Der Konzern hat das Engagement bei Biokraftstoffen in Deutschland reduziert. Während die hiesigen Energiekonzerne E.on oder RWE die Energiewende mitgehen, bleiben Europas Ölförderer in der Vergangenheit stehen. Für sie zählt nur das Fördergeschäft. Dabei sieht die Zukunft langfristig anders aus.

Der Kunde der Ölkonzerne, ob er nun sein Haus beheizt oder mit dem Auto unterwegs ist, kommt nicht aus seiner Verantwortung heraus: Das steigende Risiko der Energiebeschaffung beeinflusst seinen Alltag. Einige wehren sich dagegen und fordern vor ihrer Haustür den Stopp der Erdgasförderung durch jenes Fracking. Aber das wird nicht ausreichen: Jeder muss sich überlegen, was er zur Energiewende beitragen will - und Alternativen ernsthafter prüfen, als dies heute der Fall ist.