Gedenken

Berlin verweigert Reagan die Ehre

Der Streit über ein ehrendes Andenken an den früheren US-Präsidenten Ronald Reagan erreicht ein Vierteljahrhundert nach dessen legendärer Rede vor dem Brandenburger Tor die Bundesebene. "Es ist skandalös, dass es immer noch keine Straße, keinen Platz oder eine Plakette für den großen Staatsmann Ronald Reagan gibt", sagte der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Philipp Mißfelder (CDU).

"Berlin und Deutschland haben ihm sehr viel zu verdanken. Ohne ihn, Kanzler Kohl und Papst Johannes Paul II. hätte es die deutsche Einheit nicht gegeben", sagte Mißfelder, der auch Vorsitzender der Jungen Union ist. Tatsächlich jährt sich am 12. Juni bereits zum 25. Mal jener Auftritt Reagans in Berlin, bei dem er den damaligen russischen Präsidenten Michail Gorbatschow aufgefordert hatte, die Mauer zu öffnen ("Mr. Gorbatschow, tear down this wall ...").

Ende des Kalten Kriegs

Der Botschafter der Vereinigten Staaten in Berlin, Philip Murphy, sagte der Berliner Morgenpost: "Die meisten europäischen und amerikanischen Historiker sind der Auffassung - und wir stimmen dem natürlich zu -, dass das außenpolitische Engagement Präsident Reagans und die vertrauensbildenden Maßnahmen mit der ehemaligen Sowjetunion und Michail Gorbatschow zu den Bedingungen beigetragen haben, die zum schnellen und überwiegend unerwarteten Ende des Kalten Krieges geführt haben." Zweifelsohne seien es die Bürger im ehemaligen Osten gewesen, die bei den Protesten für mehr Demokratie ihr Leben riskierten, die die Berliner Mauer niederrissen und die Wiedervereinigung zustande brachten. Aber es gebe auch kaum Zweifel daran, dass die Außenpolitik von Präsident Reagan - und dazu zähle auch seine Rede am Brandenburger Tor - unmittelbar dazu beigetragen habe, "dies alles zu ermöglichen", sagte Murphy weiter. Dennoch will er der Stadt öffentlich keine Empfehlungen geben, wie sie mit dem Jahrestag und Reagans Leistungen konkret umgehen sollte. "Wir sind zwar der Meinung, dass Präsident Reagan Anerkennung für seine Rolle bei der Wiedervereinigung Berlins und Deutschlands verdient, aber natürlich müssen die Berliner entscheiden, wie das am besten geschehen soll."

Derzeit aber sieht alles danach aus, als könnte das Jubiläumsjahr wiederum ohne eine würdevolle Geste für den 2004 verstorbenen Politiker verstreichen. Denn im Roten Rathaus hält man es für ausreichend, dass Ronald Reagan zu Lebzeiten die Berliner Ehrenbürgerschaft verliehen wurde. So heißt es in einem der Berliner Morgenpost vorliegenden Brief des Chefs der Senatskanzlei, Björn Böhning, an den Berliner CDU-Bundestagsabgeordneten Karl-Georg Wellmann: "Zweifellos stellt die Ehrenbürgerschaft im Vergleich zu einer Straßenbenennung die höherwertigere Ehrung dar." Damit habe Berlin Reagan bereits dafür gedankt, "dass er sich in seiner Amtszeit mit Mut, Standhaftigkeit und Überzeugungskraft für die Aufhebung der gewaltsamen Teilung der Stadt und Deutschlands eingesetzt hat". Außerdem böten sich die Straßen in räumlicher Nähe zum Brandenburger Tor "aus unterschiedlichen Gründen" nicht für eine Umbenennung an.

Konkret hatte Wellmann zuvor bei der Senatskanzlei angeregt, im Juni entweder eine Plakette in der Nähe des Brandenburger Tors anzubringen oder eine Statue mit Reagans Konterfei aufzustellen. Die Kosten, das sei ihm versichert worden, würde die Ronald Reagan Foundation übernehmen. Auch die American Academy sei dafür, wolle aber nichts machen, das in Berlin nicht gewollt sei.

Und genau das ist das Problem. Denn schon im vergangenen Jahr, als Ronald Reagans 100. Geburtstag anstand, kam es nach einer wochenlang geführten Debatte nur zu einer improvisierten Gedenkstunde in der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen mit dem damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) als Gastredner - ohne Beteiligung des Senats. Aus Protest hatten Unbekannte damals Straßenschilder am Rosa-Luxemburg-Platz mit dem Namen des früheren US-Präsidenten überklebt.

Hinweis auf berlin.de

Böhning bleibt jedoch auch im Jubiläumsjahr der Reagan-Rede auf dem Standpunkt, dass ohnehin schon bei "nahezu allen öffentlichen Anlässen Berlins, die sich in irgendeiner Form mit dem Thema des Mauerfalls" auseinandersetzen, an den Ausruf Reagens gedacht werde. Dazu kämen die Tafeln der "Geschichtsmeile Berliner Mauer" an der Straße des 17. Juni wie auch das großflächige Zitat im U-Bahnhof Brandenburger Tor. Und schließlich finde man im Internet unter berlin.de ja auch einen Hinweis darauf. "Von einer weiteren Kennzeichnung am Brandenburger Tor, bei der auch Denkmalschutzaspekte zu beachten wären, sollte daher Abstand genommen werden." Was eine mögliche Veranstaltung zum Jahrestag betrifft, so wäre ein Engagement von privater Seite oder von Stiftungen, etwa in Form einer Konferenz, "grundsätzlich zu begrüßen". Das heißt im Klartext: Einen Senatsempfang wird es wieder nicht geben.

Entsprechend dürfte auch das Antwortschreiben an Murphy ausfallen, der nach Informationen dieser Zeitung seinerseits an Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) geschrieben hat, um Wellmanns Vorschlag zu unterstützen. Der CDU-Politiker nennt das "Desinteresse Wowereits" beschämend. Jetzt sei die Bundesregierung gefragt, "diesen Tag in geeigneter Form zu würdigen". Entsprechende Briefe habe er bereits auf den Weg gebracht.

"Mister Gorbatschow, tear down this wall!"

Ronald Reagan anlässlich seines Berlin-Besuchs am 12. Juni 1987 vor dem Brandenburger Tor