Ein Fünftel der Deutschen latent antisemitisch

"Alarmierender Weckruf"

Es war ein Sonntagmittag im August 2011: Ein 13-Jähriger war im Berliner Wohlfühl-Stadtteil Prenzlauer Berg unterwegs - viele gut situierte junge Familien wohnen dort -, als er plötzlich Opfer eines Hass-Angriffs wurde: Weil der Junge eine Kippa trug, die religiöse Kopfbedeckung der Juden, beschimpfte ihn ein fremder Mann zunächst mit antisemitischen Hetzparolen.

Doch dabei beließ es der Täter nicht: Er schlug mit einer Stange auf den Jungen ein, bevor er flüchtete.

Bei der Vorstellung des ersten Berichts des Expertenkreises Antisemitismus, der im Auftrag der Bundesregierung erstellt wurde, warnte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse davor, sich mit Antisemitismus nur zu beschäftigen, wenn es spektakuläre Vorfälle gebe. Der seit August 2009 tagende Expertenkreis, bestehend aus Wissenschaftlern und Praktikern aus der Bildungsarbeit, kommt nach zwei Jahren Arbeit zu folgendem Fazit: Auch heute sind 20 Prozent der Bevölkerung "latent antisemitisch" eingestellt.

Wenig erforscht

Bislang ist der Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft wenig erforscht. Die bislang aussagekräftigste Langzeitstudie "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" der Universität Bielefeld umfasst die Jahre 2001 bis 2010 und zeigt, dass antisemitische Einstellungen und Klischees bei vielen Deutschen beliebt sind. So stimmten 39,5 Prozent der Befragten 2010 der Aussage zu: "Viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen." Fast genauso viele - 38,4 Prozent - konnten angesichts der israelischen Außenpolitik "gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat". Jeder Sechste (16,5 Prozent) gab an, dass Juden in Deutschland zu viel Einfluss hätten.

Expertenkreis-Koordinator Peter Longerich von der University of London stellte fest: "Antisemitismus in unserer Gesellschaft basiert auf weit verbreiteten Vorurteilen, tief verwurzelten Klischees und auf schlichtem Unwissen über Juden und das Judentum." Ein großes Defizit an geschichtlichem Hintergrundwissen konstatierte Elke Gryglewski, Mitarbeiterin der Berliner NS-Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz: "Ich höre sehr oft die Frage von Besuchern: Ist es nicht tragisch, dass die Juden heute dasselbe mit den Palästinensern machen, was die Nazis damals mit den Juden taten?"

Die Experten listen in ihrem Bericht viele Bereiche auf, in denen Alltagsantisemitismus präsent ist. "Die Bezeichnung ,Du Jude' wird schon heute auf vielen Schulhöfen als Schimpfwort benutzt", sagte Longerich. Auch in Fußballvereinen auf Regionalebene haben sich antijüdische Ressentiments längst etabliert, wie es im Bericht heißt.

Braunes Gedankengut ist nach Ansicht der Experten nach wie vor der "wichtigste Träger des manifesten Antisemitismus" in Deutschland. Dies belegen offizielle Statistiken: So gingen 1192 von insgesamt 1268 antisemitischen Straftaten im Jahr 2010 auf das Konto von Rechtsextremisten. Sie begingen dabei 31 von 37 antijüdischen Gewalttaten. Antisemitismus sei ein zentrales "ideologisches Bindemittel" für die sonst wenig homogene rechtsextreme Szene, sagte Longerich.

Antijüdische Gewalttaten

Erhebliches Gefahrenpotenzial bescheinigte der Expertenkreis außerdem Islamisten. "Die in Deutschland weitgehend nicht offen agierenden Gruppen sind dabei vor allem im Ideologie-Transfer tätig", sagte Gremiumsmitglied und Historikerin Juliane Wetzel. Die Islamisten stellen laut dem Bericht das Existenzrecht Israels infrage und fordern die Auslöschung des Staates sowie Gewalt gegen seine Bürger. Dabei versuchten sie, auch nicht extremistische Muslime zu gewinnen - vor allem über das Internet. "Es ist leider kaum möglich, die Verbreitung antisemitischer Gedanken im Netz zu unterbinden", gab Longerich zu bedenken.

Auch im linksextremen Lager fällt antisemitisches Gedankengut auf fruchtbaren Boden. Jedoch gebe es keinen "genuin linksextremistischen Antisemitismus", wie es im Bericht heißt. Berührungspunkte zu antijüdischen Einstellungen biete primär die Kritik an Israel, wobei der Staat für viele Szeneanhänger nicht "primär als jüdischer, sondern als imperialistischer und kapitalistischer Staat" gelte. Der Partei Die Linke werden "problematische Äußerungen", aber auch starkes Engagement bei der Problembekämpfung attestiert. Allerdings wurde der Bericht im Frühjahr 2011 abgeschlossen, vor der Antisemitismus-Debatte der Partei im vergangenen Sommer.

Als Konsequenz aus dem Bericht forderte die Historikerin Wetzel eine "umfassende Abwehrstrategie" gegen Antisemitismus, die von der Gesamtgesellschaft getragen werden müsse. Thierse sagte, dass der Bericht eine "erste wichtige Bestandsaufnahme" sei und es wünschenswert sei, wenn es pro Legislaturperiode einen solchen Bericht gebe. Ähnliches verlautete von Vertretern aller fünf Bundestagsfraktionen.

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, wertete den Bericht als "alarmierenden Weckruf".