Kommentar

Zuwanderer kommen wie gerufen

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Dorothea Siems

Die Überalterung der Gesellschaft trifft Deutschland früher und stärker als die meisten anderen Länder. Die Eurokrise treibt uns heute um - doch der demografische Wandel wird aller Wahrscheinlichkeit nach viel größere Auswirkungen auf unser tägliches Leben haben.

Weil wir altern und das Pflegerisiko stetig steigt, muss die Gesellschaft neue Wege der sozialen Absicherung und gegenseitigen Unterstützung finden. Eine Blaupause hierfür gibt es nicht. Deutschland steht vielmehr an der Spitze der Bewegung und muss als Vorreiter fungieren.

Resignation aber wäre falsch. Es gibt genügend Stellschrauben, um die Auswirkungen der Alterung abzufedern. Die jüngsten Daten zur Bevölkerungsentwicklung zeigen, dass der Trend in gewissem Maße beeinflussbar ist. Nach Jahren der Schrumpfung vermelden die Statistiker für 2011 einen Anstieg der Bevölkerung. Zwar gibt es keinen Babyboom. Doch zieht Deutschland wieder erheblich mehr Zuwanderer an, als dies in den vergangenen Jahren der Fall war. Die gute wirtschaftliche Entwicklung hierzulande lockt Migranten. Vor allem aus den Euro-Krisenstaaten Griechenland und Spanien kamen viele hierher. Denn in diesen Ländern haben erschreckend viele Jugendliche trotz guter Ausbildung keinerlei Perspektive. Auch Polen machen sich auf, um bei uns ihr Glück zu machen. Seit vergangenem Mai gilt für die Arbeitnehmer aus unserem Nachbarland und anderen osteuropäischen EU-Staaten die volle Freizügigkeit. Der hiesige Arbeitsmarkt steht ihnen damit offen. Ob die Europäer dauerhaft in ihrer neuen Wahlheimat Deutschland bleiben, oder schon bald wieder in ihre Heimat zurückkehren, kann derzeit niemand vorhersagen. Doch der hiesigen Wirtschaft, die händeringend nach Fachkräften sucht, kommen die Zuwanderer wie gerufen.

In der Krise wächst somit auch der europäische Arbeitsmarkt zusammen. Dieser Prozess wird die Union dauerhaft stärken. Nicht nur die Betriebe, sondern vor allem die Menschen, die heutzutage über die nationalen Grenzen hinweg nach einem Job suchen können, profitieren von der neuen Freiheit. Sicherlich stehen auch die meisten anderen EU-Staaten vor dem Problem der Alterung. Und Fachkräfte werden überall knapper. Doch der wirtschaftliche Nutzen eines großen europäischen Arbeitsmarktes vermindert diese Schwierigkeiten, weil mobile Arbeitskräfte das Wachstum stärken.

Zuwanderung ist jedoch nur ein Teil der Lösung. Die hiesige Gesellschaft muss auch das heimische Arbeitskräftepotenzial besser ausschöpfen. Die Frauen, die vielfach mehr arbeiten wollen, sind dabei die Gruppe, die am schnellsten aktiviert werden kann. Ganztagsschulen und Krippen sind hier die Antwort der Politik.

Vor allem aber auf die Älteren darf die Wirtschaft in Zukunft nicht mehr verzichten. Denn eine Gesellschaft, in der die Rentner die Mehrheit der Bevölkerung stellen, kann auf Dauer ökonomisch nicht erfolgreich sein. Der wirtschaftliche Aufschwung aber ist die Voraussetzung dafür, dass Deutschland für gut ausgebildete Zuwanderer aus aller Welt attraktiv ist - anderenfalls werden die Hochqualifizierten, auch die Deutschen, dem Land den Rücken kehren.