Ein Jahr nach dem Sturz Ben Alis

Tunesiens unvollendete Revolution

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Silke Mülherr

Die Bilder gleichen sich auf traurige Weise. Wie vor einem Jahr übergießt sich ein Tunesier mit Benzin und zündet sich an. Zwölf Monate nachdem Diktator Ben Ali aus dem Amt gejagt wurde, treibt die Hoffnungslosigkeit Menschen im Mutterland des arabischen Aufstands wieder zu solchen Verzweiflungstaten.

Im Dezember 2010 war es ein Straßenhändler aus der Stadt Sidi Bouzid, im Januar 2012 ist es ein Arbeitsloser aus dem verarmten Landesinneren bei Gafsa. Hat sich also nichts verändert in Tunesien, seit der Wind des "arabischen Frühlings" über das Land hinwegfegte?

Lina Ben Mhenni jedenfalls ist zurück auf der Straße. Die junge Bloggerin wurde zur Ikone des Aufstands, seit sie im vergangenen Jahr die Kamera auf die wachsenden Proteste hielt und so Nachrichten in Umlauf brachte, die das alte Regime unter Verschluss halten wollte. Die 28-jährige Netzaktivistin reist ein Jahr nach dem Ausbruch der Revolution wieder durch ihr Land - und zieht auf ihrem Blog "A Tunisian Girl" eine ernüchternde Bilanz: "Es hat sich offenbar wenig geändert, seit Ben Ali weg ist." Was die Menschen vor einem Jahr auf die Straße getrieben hatte, war vor allem die aussichtslose Situation auf dem Arbeitsmarkt. Rund 40 Prozent der Tunesier im erwerbsfähigen Alter stehen noch immer ohne Job da. Die im Oktober gewählte Partei Ennahda hatte versprochen, 600 000 Arbeitsplätze innerhalb der nächsten zwei Jahre zu schaffen. Passiert ist seither kaum etwas. Die wirtschaftliche Entwicklung wartet auf Impulse. "Zudem bleiben die Touristen aus, und die mittelständischen Unternehmen in Tunesien halten sich mit Investitionen zurück", sagt Elisabeth Braune, Vertreterin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tunis.

Für den Jahrestag der Vertreibung Ben Alis rechnen die meisten Beobachter mit gedämpfter Stimmung. "Es wird Feierlichkeiten und Demonstrationen geben", schreibt Lina Ben Mhenni auf Twitter. Bei vielen ist die Euphorie wohl der Erkenntnis gewichen, dass der Wandel Zeit und Geduld erfordert. Bei aller Ernüchterung gibt Elisabeth Braune aber eines zu bedenken: "Im Vergleich mit der Situation unter Ben Ali ist es als wahrhaft revolutionäre Errungenschaft zu werten, dass die Tunesier ihre berechtigten Forderungen nun laut äußern können - und öffentlich darüber diskutiert wird." Trotz der Frustration ob des gemächlichen Reformtempos: Beim Blick auf die Gewalt in Ägypten sind viele Tunesier stolz auf ihre unvollendete, aber friedliche Revolution.