Vorteilsnahme

Bei Wulff brennt der Baum

Eine Trauerfeier im regnerischen, nebligen Prag ist der letzte öffentliche Termin dieses Jahres, den Christian Wulff am Freitag wahrnimmt. Der Abschied von Václav Havel, einem wahrhaft großen, charismatischen Präsidenten, bildet für Wulff den Schlusspunkt 2011, nach einem zehntägigen nervenaufreibenden und würdelosen Hin und Her in eigener Sache. Über Weihnachten soll Ruhe sein, feiern im Familienkreis in Berlin. Doch es gibt schon wieder neue Vorwürfe.

Dabei hat Wulff am Donnerstag versucht, die Diskussion mit einer persönlichen Erklärung zu beenden. Er entschuldigte sich, nicht geradlinig genug gewesen zu sein. Und dass er die öffentliche Wirkung seines recht zinsgünstigen Privatkredits über 500 000 Euro für ein Einfamilienhaus in Großburgwedel bei Hannover überschätzt habe. Wenig spricht indes dafür, dass die Erklärung wie ein Befreiungsschlag wirkt. Zu viele Fragen sind ungeklärt. Und die bislang gegebenen Antworten widersprechen sich zum Teil. Dabei verkündete Wulff: "Volle Offenheit."

Wäre das der Fall gewesen, dann müsste sich das Staatsoberhaupt nicht immer neuen Fragen stellen zu jenen Vorgängen aus seiner Amtszeit als Ministerpräsident in Niedersachsen. Immer stärker drängt sich der Anschein auf, als habe Wulff etwas zu verbergen. Warum befreit der Präsident nicht die baden-württembergische BW-Bank, bei der er sich im vergangenen Jahr 500 000 Euro zu sehr günstigen Zinskonditionen geliehen hat, vom Bankgeheimnis? So nämlich bleibt weiterhin offen, warum der damalige niedersächsische Ministerpräsident im März 2010 in den Genuss von Konditionen gekommen ist, die nur sehr vermögenden Privatkunden zustehen. Und warum lässt Wulff nicht das Wertgutachten zum Haus einsehen, wonach ein Kredit über 500 000 Euro tatsächlich zu diesen Konditionen gerechtfertigt gewesen wäre?

Stattdessen sickern Details in homöopathischen Dosen heraus. Wulffs Eingeständnis etwa, doch mit Privatunternehmer Egon Geerkens und nicht nur mit dessen Frau Edith den Kredit ausgehandelt zu haben. Die Information war die Sensation der vergangenen Tage - und heizte die köchelnde Debatte wieder kräftig an. Hatte der damalige Regierungschef nicht selbst im Landtag entschieden mit "Nein" geantwortet, als er Anfang 2010 nach den Beziehungen zum Geschäftsmann Geerkens gefragt worden war? Da half dann auch der Hinweis diese Woche nicht, Geerkens habe sich 2004 aus dem aktiven Geschäftsleben zurückgezogen. Immerhin reiste er später in Wirtschaftsdelegationen Wulffs mit, Privatiers würde man da eher nicht erwarten.

Und jetzt auch noch Einzelheiten, die den Rauswurf von Wulffs langjährigem Freund, Sprecher und Berater Olaf Glaeseker in ein merkwürdiges Licht setzen. Wulff hatte seinen "siamesischen Zwilling" (Wulff) am Donnerstag entlassen, ohne Gründe zu nennen. Die liefert offenbar jetzt der "Stern".

Glaesekers Geschäfte

Danach ist Glaeseker offenkundig über kostenlose Urlaubseinladungen des Kölner Partymanagers Manfred Schmidt gestürzt. Glaeseker habe in seiner Zeit als Regierungssprecher in Niedersachsen mehrfach mit seiner Frau Ferien in Immobilien des Unternehmers in Spanien und Südfrankreich gemacht. In dieser Zeit sei Glaeseker auch mit Veranstaltungen Schmidts befasst gewesen. Zuletzt im Dezember 2009 seien mit einem Event die guten Beziehungen zwischen Niedersachsen und Baden-Württemberg gefeiert worden. Organisator: Manfred Schmidt.

Interessant daran ist auch, wer zu den Sponsoren der Veranstaltung am Flughafen in Hannover gehörte: Dem "Spiegel" zufolge VW, in dessen Aufsichtsrat Wulff zu dem Zeitpunkt saß, der Finanzdienstleister AWD, dessen Gründer Carsten Maschmeyer Familie Wulff bereits in seinem Anwesen auf Mallorca beherbergte, den Wulff zu seinen Freunden zählt und der Anzeigen für Wulffs Buch "Besser die Wahrheit" finanzierte, und der Versicherer Talanx aus Hannover, dessen Aufsichtsratschef Wolf-Dieter Baumgartl Wulff auch nahesteht. Immerhin hatte er Wulffs Familie in seinem Haus in Italien zu Gast.

Die niedersächsische Staatskanzlei bestritt, dass sie in Wulffs Amtszeit an der Sponsorenwerbung für privat organisierte Veranstaltungen von Politikern und Unternehmern beteiligt gewesen sei. Die Veranstaltung hieß "Nord-Süd-Dialog". Das Bundespräsidialamt hat sich zu den Berichten bisher nicht geäußert. Glaeseker selbst nimmt ebenso wenig Stellung.

Und dann ist da noch die Sache mit Wulffs Buch "Besser die Wahrheit" von 2007. 2500 der 15 000 Exemplare kaufte dem Verlag Hoffmann und Campe zufolge die Georgsmarienhütte Holding GmbH, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtete. Kern des Unternehmens ist der Stahlkonzern Georgsmarienhütte südlich von Osnabrück, der Heimat Wulffs. Alleingesellschafter ist Jürgen Großmann, heute Chef des Energieriesen RWE und ein Freund Wulffs. Pikant: 2007, als das Buch erschien, war in Niedersachsen Wahlkampf. Der Konzern kann sich die gekaufte Menge nicht erklären. 5000 Exemplare gingen übrigens an die CDU.

Wulffs Weihnachtsansprache wurde Mittwoch aufgezeichnet. Er widmet sich dem Thema Europa und findet deutliche Worte zur Mordserie der Neonazis. An der Weihnachtsansprache ist wenig auszusetzen, eine Erklärung in eigener Sache wäre vermessen. Interessant der Vergleich zu 2010: Da sagte Wulff: "Der Staat kann im Rahmen seiner Möglichkeiten Menschen in Not finanziell unterstützen." Heute erschienen diese Worte eingedenk des minimalen Jahreszinses von bis zu 0,9 Prozent, den die BW-Bank Wulff für den Kredit gewährte, wie Hohn.