Guttenberg

Ein Plagiat kommt selten allein

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Manuel Bewarder

Eine "unglaubliche Dummheit", ein "ungeheuerlicher Fehler". Karl-Theodor zu Guttenberg pflegt sich kräftig über sich selbst zu empören, wenn er auf seine Arbeitsweise beim Erstellen seiner Doktorarbeit zu sprechen kommt. Dass er bei diesem Werk voller Plagiate aber betrogen habe - das streitet der Ex-Verteidigungsminister nach wie vor ab.

Er sei ein "hektischer und unkoordinierter Sammler" von interessanten Textpassagen gewesen, behauptet er. Die habe er auf vier unterschiedlichen Computern bearbeitet, er habe Entwürfe auf insgesamt mehr als 80 Datenträgern gespeichert. Eine "Patchworkarbeit".

Ein Politiker also, der vom Stress überwältigt wurde? Eine neue Analyse der Internetplattform GuttenPlag, die der Berliner Morgenpost vorliegt, wirft nun die Frage auf, ob Guttenbergs Methode nicht zum System des CSU-Politikers gehörte. Laut GuttenPlag war die Entstehung seiner fehlerhaften Dissertation offenbar nicht bloß einer chaotischen nebenberuflichen Arbeitsweise in jener Zeit geschuldet. Denn jenes Patchwork-Muster findet sich in ähnlicher Weise auch an anderer Stelle in Guttenbergs Oeuvre.

Die Plagiatsjäger waren bereits im Frühjahr maßgeblich an der Aufklärung der Vorwürfe gegen Guttenberg beteiligt und haben bis heute 1218 Plagiatsfragmente aus 135 Quellen auf 371 von 393 Seiten der Dissertation gesammelt. Vor ein paar Tagen begannen sie, einen weiteren Text von Guttenberg von 2004 umfassend auf Übernahmen hin zu untersuchen. Der aktuelle Stand der Analyse wurde am Sonnabendnachmittag auf ihrer Website veröffentlicht. Es geht um den 33-seitigen Guttenberg-Aufsatz "Die Beziehungen zwischen der Türkei und der EU - eine 'Privilegierte Partnerschaft'".

Unter anderem mit diesem Aufsatz, der in einer Schriftenreihe der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung erschien, positionierte sich Guttenberg als Außenpolitiker in der Union. Auszüge aus dem Aufsatz erschienen damals auch in der "Welt". Weil es sich nicht um einen wissenschaftlichen Artikel handelt, gibt es fast keine Fußnoten. Doch die lose Zusammensetzung von teilweise wörtlichen Übernahmen fremder Textbausteine zeigt jene fragwürdige Systematik, die dem Oberfranken den Doktortitel erst einbrachte und ihn diesen dann kostete.

Auf bisher 13 von 23 Textseiten des Aufsatzes haben die Rechercheure Textübernahmen aus verschiedenen Quellen nachgewiesen, unter anderem aus Zeitungsartikeln, Ausarbeitungen der Europäischen Union und einem Dokument des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages. Rund ein Drittel aller Textzeilen des Essays, der in der Zeitschrift "Aktuelle Analysen" erschien, sind laut GuttenPlag plagiiert.

"Die Internetplattform liegt mit ihren Gegenüberstellungen vollkommen richtig", sagt Karl-Theodor zu Guttenberg auf Anfrage der Berliner Morgenpost. "Der Text hatte niemals den Anspruch, eine eigenständige wissenschaftliche Leistung oder besonders innovativ zu sein, sondern diente der konzeptionellen Einbettung der politischen Idee der ,privilegierten Partnerschaft'. Hierbei wurden auch bestehende Ideen genutzt und übernommen, teilweise aber auch in einen neuen Kontext gesetzt." Unter der Maßgabe von GuttenPlag ließen sich Tausende Stellen in politischen Papieren, Reden und Vorträgen als Plagiate bezeichnen, verteidigt sich der ehemalige Minister.

Die Internetaktivisten von GuttenPlag sind anderer Meinung. "Unsere Analyse des Beitrags zeigt, dass sich hier in kleiner Form das Bauprinzip der Doktorarbeit widerspiegelt", zieht ein Mitarbeiter Bilanz. Offensichtlich handele es sich hier "schlicht um Guttenbergs offensichtliche Arbeitsweise beim Verfassen von Texten, die sich die eigene Formulierungsarbeit ersparen möchte". So übernimmt Guttenberg auf Seite 9 des Aufsatzes sowie in einer längeren Fußnote nahezu identisch Sätze aus einem Bericht der Europäischen Kommission. Darin wird beschrieben, dass das EU-Parlament fordert, Mittel für die Türkei zu blockieren, weil diese nicht genug tut, um die Menschenrechtssituation zu verbessern. Guttenberg schildert diese Vorgänge ausführlich, aber dass er dabei einfach einen Text der Kommission übernimmt, macht er nicht kenntlich.

Eine ähnliche, auch in der Doktorarbeit häufige Übernahmeform findet sich auf den Seiten 12 und 13 des Aufsatzes. Dort listet der CSU-Politiker "Maßnahmen und Pläne zur Verbesserung der Zusammenarbeit" mit der Türkei auf.

Das liest sich, als sei er selbst auf jene Ideen gekommen. Dabei wurde die Passage nahezu wortgleich aus einem Beschluss des Europäischen Rates übernommen.

Diese Tendenz setzt sich auf Seite 14 fort, wo es um anstehende Reformen in der Türkei geht. Guttenberg schreibt: "Um die Umsetzung der Reformen zu intensivieren, müssten alle beteiligten Einrichtungen und Personen den Geist der Reformen akzeptieren'." Der einzige Unterschied zum Original aus einem Strategiepapier der EU-Kommission sind der Indikativ und die Streichung der Anführungszeichen am Ende. Hier das Original: "Um die Umsetzung der Reformen zu intensivieren, müssen alle beteiligten Einrichtungen und Personen den Geist der Reformen akzeptieren."

Die Mitstreiter der kollaborativen Internetplattform GuttenPlag haben in diesem Jahr eine wichtige Rolle bei der Aufarbeitung von Plagiatsvorwürfen gespielt. Am 16. Februar erschien in der "Süddeutschen Zeitung" der erste Artikel mit Textstellen, die Guttenberg für seine Doktorarbeit übernommen haben soll, ohne sie ausreichend zu kennzeichnen. Am 21. Februar veröffentlichte GuttenPlag einen Zwischenbericht, der bereits auf 70 Prozent der Seiten der Arbeit Plagiate aufzählte. Zwei Tage später entzog die Universität Bayreuth Guttenberg den Doktortitel. Am 1. März trat Guttenberg von allen Ämtern zurück.

"Unsere Analyse des Beitrags zeigt, dass sich hier in kleiner Form das Bauprinzip der Doktorarbeit widerspiegelt"

GuttenPlag, Internetplattform