Fall Guttenberg

Er hätte früher auffliegen können

Es waren kalte Februartage, an denen Andreas Fischer-Lescano für viele in diesem Land zu einer unerwünschten Person wurde. An einem Freitag saust der Bremer Juraprofessor nach der Arbeit im ICE über das flache Land nach Hause, nach Berlin-Neukölln. Vor ihm liegt die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg. Fischer-Lescano will eine Rezension darüber schreiben. Er fängt an zu blättern.

So steht es in Berichten und in dem voller Details steckenden Buch "Guttenbergs Fall" von Roland Preuß und Tanjev Schultz von der "Süddeutschen Zeitung". Ein Gespräch für diesen Artikel lehnt Fischer-Lescano ab. Alles sei doch gesagt.

Fischer-Lescano streicht bereits während der Zugfahrt mit dem Stift in der Arbeit herum: Mal findet er nur vage inhaltliche Verbindungen zwischen den Absätzen. Dann harmoniert die Wortwahl nicht. Ein Stückwerk liegt vor ihm. Am Samstagabend tippt er ein paar Wörter aus Guttenbergs Arbeit bei Google ein. Auf dem Bildschirm erscheint ein Zeitungsartikel. Fischer-Lescano findet keinen Hinweis darauf. Wenige Stunden später, ein paar verdächtige Abschnitte mehr - dann ist ihm klar: Der beliebteste Politiker des Landes hat gegen die Regeln der Wissenschaft verstoßen.

Fischer-Lescano sucht die Öffentlichkeit. Drei Tage später berichtet die "Süddeutsche Zeitung" von seinem Fund. Immer mehr Plagiate tauchen in der Doktorarbeit auf. Nicht einmal drei Wochen später tritt der Verteidigungsminister zurück. Der Shootingstar der Politik ist abgestürzt. Doch die Plagiate des Verteidigungsministers hätten schon viel früher auffliegen können.

Nach Informationen der Berliner Morgenpost waren die Fehler in Guttenbergs Arbeit mehreren Wissenschaftlern schon seit Längerem bekannt. Zwei von ihnen sprechen nun erstmals. Mehr als ein halbes Jahr vor Fischer-Lescano war diesen klar, dass Guttenberg mehrere Passagen unsauber übernommen hat. Warum die Professoren dies für sich behielten, ist nur schwer zu verstehen.

Man muss zurück in den Sommer 2010 gehen, um diese Spur aufzunehmen. Der Doktorand Michael S. - er promoviert in Berlin, arbeitet damals in Münster - holt für seine Doktorarbeit Guttenbergs Buch aus dem Regal, liest, besorgt sich die zitierte Literatur. S. erkennt schnell, dass Stellen eins zu eins übernommen wurden und oft nicht als Zitat gekennzeichnet waren. Er listet die entdeckten Stellen auf, bewertet sie mit Fachliteratur. Er fragt sich: Wo ist die Grenze zum Plagiat? Am Ende steht für ihn fest: Guttenberg hat die Grenze überschritten, vielleicht sogar einen Rechtsbruch begangen. S. schreibt einen Aufsatz darüber und legt ihn ein paar Leuten in seinem Umfeld vor. "Mir wurde gesagt, dass der Aufsatz Sprengstoff in sich birgt und dass ich mit einer Veröffentlichung Gefahr laufe, von der Öffentlichkeit vereinnahmt zu werden", sagt S. Er packt seinen Text in die Schublade.

Dies ist längst bekannt. Denn als S. im Februar von Fischer-Lescanos Fund hört, nimmt er Kontakt zu ihm auf. S. taucht in ein paar Zeitungsartikeln auf.

Promotion bei Guttenbergs Professor

Es ist nicht leicht herauszufinden, wem S. seine detaillierte Analyse vorgelegt hat. Aber es ist wichtig: Im Februar verlor nämlich nicht nur Guttenberg seinen Titel. In den folgenden Wochen tauchten in vielen Doktorarbeiten Plagiate auf. Die Guttenberg-Affäre führte zu einer Krise der Wissenschaft. Wie können Prüfer derartige Schlampereien nur übersehen? Wie viel ist der Doktortitel noch wert? Wer die Analyse von S. kannte, hat den Verrat an der Wissenschaft geahnt. Wer dem dennoch nicht nachgegangen ist, hat der Wissenschaft nichts Gutes getan.

Jeder Jurastudent kennt Bodo Pieroth. Der Münsteraner Rechtsprofessor hat ein Standardwerk über die Grundrechte verfasst. Er horcht auf, als ihm ein Mitarbeiter, eben Michael S., im Sommer 2010 den brisanten Aufsatz zu lesen gibt. "Ich hatte ihn bestärkt, einen kleinen Artikel darüber zu schreiben und zu veröffentlichen, weil solch ein Anstoß ja auch für den wissenschaftlichen Diskurs sehr wichtig ist", sagt Pieroth.

Als S. davon absieht, verliert Pieroth das Thema aus den Augen. "Die übernommenen Stellen waren in ihrem Umfang damals noch nicht absehbar."

Fischer-Lescano sagt in vielen Berichten, ihm sei bereits nach dem Fund von ein paar Übernahmen klar gewesen, dass ein Plagiat vorliegen muss. Ähnliches beschreibt der Doktorand S. Doch Pieroth verfolgt die eindeutigen Hinweise nicht weiter, weil er sich "mittlerweile mit anderen Themen" beschäftige, wie er sagt. Pieroth ist aber nicht der Einzige, der dem Verdacht nicht weiter nachgegangen ist.

Ingolf Pernice, Europarechtler an der Berliner Humboldt-Universität, ist Gründer des Walter-Hallstein-Instituts für Europäisches Völkerrecht, organisiert die Humboldt-Reden zu Europa von bekannten Politikern wie Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker oder Angela Merkel und vertrat den Bundestag bei den Klagen gegen den Vertrag von Lissabon.

Pernice hat zudem einen besonderen Doktorvater. Er promovierte nämlich beim selben bedeutenden Staatsrechtler wie Guttenberg: Peter Häberle. Der 1950 geborene Pernice bedankt sich im Vorwort seiner Doktorarbeit aus dem Jahr 1979 vor allem bei seinem "hochverehrten Lehrer" Häberle, der ihm durch "Verständnis und menschliche Ermutigung großzügigste Förderung zuteil werden ließ". Und auch zu Häberles letzter Wirkungsstätte hat Pernice eine Beziehung. In Bayreuth wurde er habilitiert.

Man fragt sich also, was Pernice gedacht haben muss, als er von der Entdeckung des eigenen Doktoranden Michael S. erfuhr, als er eine Ahnung davon bekam, welche Collage Guttenberg dem hochverehrten Doktorvater untergeschoben hat. Man spricht also mit Pernice am Telefon. Er ist sehr offen.

Wie haben Sie auf den Aufsatz von Herrn S. reagiert?

"Er fragte mich, was er damit machen solle. Ich sagte ihm, ich fände die Sache heikel und müsse überlegen, wie ich darauf reagieren sollte - ich bin ja auch ein Schüler von Peter Häberle, und Herr S. ist mein Doktorand", sagt Pernice. Er habe lange nachgedacht. "Aus meiner Sicht schien es das Beste, wenn er das wollte, die Sache an den Ethikausschuss der Universität Bayreuth weiterzuleiten."

Warum haben Sie nicht verfolgt, ob dem Verdacht nachgegangen wird?

"Ich hätte mich dann intensiv mit dem Buch und der Geschichte befassen müssen, um nicht vom Hörensagen Gerüchte in die Welt zu setzen. Dazu hatte ich weder Zeit noch Lust. Vielleicht war das nicht richtig. Ich muss dazu aber sagen: Was Herr S. entdeckt hatte, waren nur einige Übernahmen aus einer Arbeit von Nettesheim. Dass die Übernahmen das später durch die Webseite Guttenplag entdeckte ungeheure Ausmaß haben würden, damit hatte ich nicht gerechnet. Aus der damaligen Sicht schien mir der gewählte Weg der richtige zu sein."

Aber wird er als Juraprofessor mit Doktoranden die Dimension der Vorwürfe nicht erahnt haben?

Pernice stockt, redet viele Sätze über etwas anderes, dann: Wie viele andere habe er Guttenberg für einen guten Politiker gehalten. Und er sei sich sicher gewesen, dass, wenn dies an die Öffentlichkeit kommt, es dem Minister den Posten kosten könne.

Ein paar Tage später schickt Pernice noch einen Satz, er scheint ihm wichtig zu sein: "Ich bin bestürzt, wie ein Doktorand seinen Lehrer, der so etwas niemals von einem Schüler erwartet hätte, in dieser Weise täuschen und damit unsägliche Anfeindungen gegen ihn veranlassen konnte."

Pieroth und Pernice haben gesprochen. Doch nach Informationen der Berliner Morgenpost erfuhren damals noch mehr Wissenschaftler von den Vorwürfen. Fischer-Lescano gehört übrigens nicht dazu.

Der Bonner Jurist Wolfgang Löwer ist Ombudsmann der Deutschen Forschungsgemeinschaft und beriet Bayreuth im Fall Guttenberg. Er kämpft für wissenschaftliche Redlichkeit. Löwer kritisiert, dass Professoren den Hinweisen nicht nachgegangen seien: "Es wäre ein Leichtes gewesen, die Universität Bayreuth über diesen Verdacht zu informieren", sagt Löwer. Dies sei aber ausschließlich eine moralische Frage.

Und so kam es, dass Bayreuth viel später von den Vorwürfen erfuhr. Vielleicht wäre Guttenberg nie aufgeflogen. Wenn nicht ein Bremer Professor im ICE in der Doktorarbeit geblättert hätte.