Kommentar

Der Frieden und die Kraft der Frauen

Der Friedensnobelpreis geht in diesem Jahr an ein Frauentrio: an zwei Afrikanerinnen aus Liberia, darunter die einzige Präsidentin auf dem ganzen großen afrikanischen Kontinent, und eine Menschenrechtsaktivistin aus dem Jemen. Die Frauenfrage ist also gebündelt an die Spitze der großen Menschheitsfragen gerückt.

Das ist nicht banal. Die Beschleunigung der Geschichte, ihre unglaubliche Dynamik und Unvorhersehbarkeit führen dazu, dass nicht mehr die großen Staatshandlungen im Vordergrund stehen, sondern Menschen wie Tawakkul Karman, eine 32-Jährige aus Jemen, eines der vielen Gesichter der Demokratisierung in der arabischen Welt. Wer hätte das vor einem Jahr gedacht? Die Protestbewegungen in der arabischen Welt kamen so überraschend, ja überraschender noch als der Fall der Mauer. Ob dieser Kampf für Demokratie allerdings friedlich verlaufen wird, gerade im Jemen, bleibt abzuwarten. Die Preisvergabe ist daher eine Momentaufnahme, die Preisträgerinnen sind revolutionäre Subjekte, noch in Aktion, der Ausgang ihrer Missionen ist offen.

Die Welt ist in der Tat freier geworden, transparenter und auch demokratischer. Die größte Infamie, die sich viele Länder jedoch weiter leisten, ist die elementare Unterdrückung der Frau. Das wahrlich ist kein Nebenwiderspruch, kein feministisches Gedöns oder im Grabenkrieg zwischen links und rechts verloren, sondern eine Frage des Menschenrechts. Was ist Frieden? Die Absenz von Krieg jedenfalls alleine nicht, was Ellen Johnson-Sirleaf beweist, die einem von Bürgerkrieg zerstörten Land wieder Leben einhaucht und ständig mit Rückschlägen konfrontiert wird. Frieden ist viel mehr als Waffenstillstand. Es ist Leben in Würde, das Recht auf Unversehrtheit und die Entfaltung der eigenen Möglichkeiten. Frieden ist Hoffnung auf ein besseres Leben für sich und seine Kinder.

Kriege werden nicht nur gegen andere Länder geführt, sondern - nicht nur im übertragenen Sinne - auch gegen Frauen. Das fängt bei direkter Gewalt an und hört bei Bildungs- und Rechtsverweigerung auf. Im Jemen steht es jedem Ehemann frei, seine Frau zu schlagen. Im Tschad haben Frauen keine Rechte, schon Zehnjährige werden verheiratet. In Mali sind fast alle Frauen genitalverstümmelt, in der Republik Kongo werden täglich Hunderte vergewaltigt. Gerechtfertigt wird dieser Stillstand in meist muslimischen Gesellschaften mit "kulturellen" Eigenheiten. Diese Länder werden arm bleiben, denn so entsteht keine positive Dynamik oder gar wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt.

Alle Entwicklungsberichte zeigen: Sobald Länder die Unterdrückung der Frauen beenden, geht es aufwärts mit ihnen. Man denke an China, Indien, Malaysia, Indonesien, Brasilien und auch die Türkei. Frieden, das ist die Botschaft dieses Preises, entsteht besonders durch Fairness und Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. USAußenministerin Hillary Clinton spricht vom "weiblichen Wachtumspotenzial", das es weltweit zu nutzen gelte. Die Welt wäre entwickelter und eine bessere, würde diese simple Botschaft ernster genommen.