Iran-Comic

Terror, schwarz auf weiß

Ein herrenloser Turnschuh, der blutverschmiert auf dem Asphalt liegt. Und ein paar zerknüllte Flyer, die das durchgestrichene Gesicht von Ahmadinedschad zeigen - das ist alles, was an diesem Tag vom Protest übrig geblieben ist, nachdem die Sicherheitskräfte den Platz der Freiheit in Teheran leer geprügelt haben. Das Bild stammt aus der jetzt auf Deutsch erschienenen Graphic Novel "Zahra's Paradise".

Das Comictagebuch zeigt den perfiden Terror hinter den Mauern des Iran, der vor den Augen der Welt verborgen bleibt. Ans Licht der Öffentlichkeit zerrt die persönlichen Schicksale ein ungewöhnliches Trio: Geschrieben von einem Exiliraner, gezeichnet von einem Araber, verlegt von Mark Siegel, einem amerikanischen Juden. "Wären unsere Namen bekannt, so könnte das unsere Familien zu Hause in große Gefahr bringen", sagt der Autor, der sich Amir nennt. Auch Künstler Khalil will seine Identität nicht preisgeben - dafür hat er exklusiv eine Karikatur des Autorenteams gezeichnet.

Für Amir spielt es keine Rolle, dass seine Kollegen ein Araber und ein Jude sind. "Was zählt, ist, dass wir alle drei von den Protesten elektrisiert waren."

Millionen junge Iraner gingen 2009 auf die Straße, weil Präsident Mahmud Ahmadinedschad ihnen gefälschte Wahlergebnisse verkaufen wollte. Wo ist meine Stimme geblieben, fragten die Demonstranten, die sich um ihre Zukunft betrogen fühlten. Einer davon hätte der 19-jährige Mehdi sein können. Es gibt ihn in Wirklichkeit nicht, aber seine Geschichte steht stellvertretend für das Schicksal so vieler im Iran dieser Tage. "Was Mehdi und seiner Familie widerfährt, dazu inspirieren uns die Berichte der iranischen Blogger und Menschenrechtsorganisationen", sagt Khalil, Zeichner von "Zahra's Paradise".

Weil der Comic zuerst nur als Fortsetzungsserie alle drei Tage im Internet erschien, ließ sich die Wirkung auf das Publikum unmittelbar testen. Binnen weniger Wochen entwickelte sich die Serie zum Phänomen, Zehntausende Anhänger verfolgten die Geschichte regelmäßig. Bald wurde sie in zwölf Sprachen übersetzt, sogar Hebräisch und Koreanisch sind darunter. Nicht nur am ungewöhnlichen Schöpferkreis lässt sich ablesen, dass es bei "Zahra's Paradise" um das Überwinden von Grenzen geht.

Über der Geschichte liegt wie ein dunkler Schatten die Hauptfigur Mehdi. Er tritt selbst nicht auf, präsent ist er nur in den Erinnerungen, Hoffnungen und Albträumen seiner Familie. Das letzte Mal sieht Hassan, der kleine Bruder, ihn aus den Augenwinkeln während einer der Demonstrationen in Teheran. Am Abend kehrt nur der jüngere Sohn zurück in die Wohnung der Mutter. Als ihnen das Warten sinnlos erscheint, machen sich die Mutter und Hassan auf die Suche nach Mehdi. Der Platz der Freiheit ist da schon längst geräumt, es herrscht Totenstille. Für die Familie beginnt eine wochenlange Odyssee durch Krankenhäuser, Leichenhallen und Amtsstuben.

Niemand will etwas gesehen haben, niemand ist bereit zu Auskünften über Mehdis Verbleib. Die Verzweiflung der Mutter wächst, und auch Hassan kann nicht begreifen, wie sich die Spur seines Bruders einfach so verlieren kann. "Keine Nachrichten, nichts", schreibt er in seinem Blog, den er nach dem größten Friedhof Teherans "Zahra's Paradise" nennt. "Niemand berichtet über die Demonstrationen ... so, als hätten sie nie stattgefunden. Kann jemand in einer Demonstration verschwinden, die es nie gab?"

Mehdis Familie lässt nicht locker, und sie lernt ein Land kennen, das seinen Bürgern noch nach der letzten Würde trachtet. Im Laufe seiner Nachforschungen erfährt Hassan, wie die Wärter in den Gefängnissen den Widerstand der politischen Häftlinge brechen. Drastische Bilder dokumentieren die Vergewaltigung junger Männer, die die Tortur nur als entkernte Hüllen überleben. Erst auf den letzten Seiten lüftet sich das Geheimnis über Mehdis Schicksal. "Es konnte kein Happy End geben", erklärt Amir, "die kommen im Iran nämlich nicht mehr vor."

Was die Menschen seit der blutigen Niederschlagung der Proteste erdulden müssen, tragen Blogs und Videos zu den Autoren ins Exil. Khalil war selbst noch nie im Iran, seine Bilder wirken dennoch erschreckend dokumentarisch. "Im Ausland weiß man nur von den Vorgängen, weil dort mutige Menschen ihre Handykameras schonungslos draufhalten", sagt Khalil. Er erinnert in diesem Zusammenhang an die Ermordung der Studentin Neda, deren Bilder um die Welt gingen. Auch Khalil widmet der Tragödie eine Szene im Comic. Einige der gezeichneten Folterknechte seien realen Vorbildern nachempfunden, sagt er, immer wieder meldeten sich Leser und erklärten, ihre Peiniger auf den Bildern wiederzuerkennen. "Vielleicht dienen meine Zeichnungen ja später, in der Zeit nach Ahmadinedschad, sogar einmal dazu, die Täter zu identifizieren?"

Gegen das Vergessen

Die Quellen, aus denen die beiden Autoren schöpfen, versiegen auch Monate nach den öffentlichen Demonstrationen nicht - "man muss ja schon fast sagen: leider", meint Amir. Er versteht es als seine Aufgabe, hinzuschauen, zuzuhören und die Geschichten in die Welt zu tragen. Auf diese Weise sind Amir und Khalil mit ihren Comics zu einem der Sprachrohre des iranischen Widerstands geworden. Aber: Für und über jemanden Bestimmtes sprechen, das wollen sie ganz entschieden nicht. Sie haben sich ganz bewusst für die Fiktion entschieden. "Als Journalist hätte ich die Lebensumstände einer einzigen Familie vorstellen müssen - ich wollte aber niemanden im Iran einer solchen Gefahr aussetzen", sagt der Autor.

Stattdessen vermischt er die vielen persönlichen Erlebnisberichte zu einer Parabel über die Leiden der iranischen Bevölkerung. "Wenn ein korruptes Regime wie der Iran die Existenz der Demonstrationen leugnet, dann ist das der Versuch, Erinnerung auszulöschen." Der Comic will sich gegen dieses Vergessen stemmen. Er soll den anderen Iran zeigen, der unter der korrupten Oberfläche schlummert. "Es ist fast ein bisschen so, als sagten die Leute: Ich habe ein Handy, also bin ich", meint Khalil.

"Handys und das Internet haben den Menschen einen Teil ihrer Würde zurückgegeben"

Khalil, Künstler