Flexibilität

Auf der Suche nach mehr Zeit

Wenn Bundesfamilienministerin Kristina Schröder ins Büro geht, nimmt sie ihre vier Monate alte Tochter Lotte Marie manchmal mit. Doch ob und wie schwer es der CDU-Politikerin fällt, Kind und Karriere in Einklang zu bringen, verrät sie nicht. Als sie kürzlich danach gefragt wurde, sagte die 34-Jährige, sie wolle die Aufmerksamkeit nicht von den vielen jungen Eltern mit ebendiesem Problem ablenken.

Bei der Lösung will sie sich künftig auf einen Bereich konzentrieren, der bisher wenig beachtet worden sei: "Lange standen Geld und die Infrastruktur der Betreuungsangebote im Mittelpunkt", sagt Schröder. "Doch die Leitwährung moderner Familienpolitik ist Zeit." Ergo sei "Zeitpolitik" bei "jedem Gesetz, jeder Arbeitsregelung, jedem Tarifvertrag" wichtig.

Anlass dafür, dass Schröder nun einen "Paradigmenwechsel" verlangt, ist die Vorstellung der Eckpunkte des achten Familienberichts der Bundesregierung. Die 226-seitige Studie einer unabhängigen Sachverständigenkommission wird Anfang 2012 mit einer Stellungnahme der Bundesregierung veröffentlicht. Darin finden sich Vorschläge, wie Bundespolitik, Unternehmen und Kommunen dazu beitragen können, dass die Deutschen mehr Zeit mit ihren Familien verbringen können. Besonders berufstätige Eltern mit kleinen Kindern und Menschen mit pflegebedürftigen Verwandten sollen entlastet werden. Für Schröder ist klar: "Der Wunsch, mehr Zeit miteinander verbringen zu können, eint alle Familien."

Die Zahlen, die die Kommission unter Leitung des Rechtswissenschaftlers Gregor Thüsing im Bericht aufführt, bestätigen dies: 63 Prozent der Väter und 37 Prozent der Mütter mit minderjährigen Kindern haben nach eigenen Angaben zu wenig Zeit für ihren Nachwuchs. Unter den alleinerziehenden Müttern sind es 47 Prozent. Mehr als 40 Prozent der Eltern mit minderjährigen Kindern leiden oft oder immer unter Zeitdruck. Laut der World-Vision-Kinderstudie 2010 deckt sich das mit den Erfahrungen von Kindern: Aus Sicht der befragten Sechs- bis Elfjährigen haben zwei Drittel der Väter und ein Drittel der Mütter zu wenig Zeit. Von den zunächst abstrakt scheinenden Forderungen des Familienberichts - darunter die "Stärkung der Zeitsouveränität", die "Verbesserung der Synchronisation von Zeitstrukturen" und die "Zeithygiene" - lassen sich einige konkrete Ansätze ableiten. So meint die Ministerin, Teilzeitarbeitsmodelle in Deutschland müssten flexibler werden. Die Mehrheit der Eltern, Männer und Frauen gleichermaßen, wolle nicht 40 oder 20 Stunden pro Woche arbeiten, sondern eher 30 bis 35 Stunden. Zudem müssten mehr Möglichkeiten für die Arbeit von zu Hause aus geschaffen werden.

Immerhin: Dem "Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2010" zufolge ist die Zahl flexibler Arbeitszeitmodelle für Eltern in den vergangenen Jahren gestiegen. So bieten heute 73 Prozent der Firmen individuell vereinbarte Arbeitszeiten an.

Auch bei den Kinderbetreuungsangeboten, die Eltern unter Zeitdruck entlasten, gibt es Fortschritte: Der Anteil der unter Dreijährigen in Kinderkrippen stieg dem Familienbericht zufolge zwischen 2006 und 2010 von zwölf auf 19 Prozent. Allerdings: Nur etwa 48 Prozent der Kinder zwischen zwei und drei Jahren haben derzeit einen Kitaplatz, 74 Prozent der Eltern wünschen sich aber dringend einen. Schröder bekräftigt, dass es von August 2013 an einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für unter Dreijährige geben werde: "Daran wird nicht gerüttelt, wir sind mit dem Ausbau auf dem richtigen Weg."

Der Deutsche Städtetag ist skeptisch, ob der Rechtsanspruch erfüllbar ist. Der Verbandspräsident, Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD), sagte, dass der Bedarf an Betreuungsplätzen in großen Städten höher sei als gedacht. Zudem müssten Bund, Länder und Kommunen noch klären, wer alles bezahle.

Ministerin Schröder setzt zudem auf hilfsbereite Menschen, um Eltern mit Zeitmangel zu entlasten. Sie wünscht sich ein stärkeres Engagement der älteren Generationen: "Leute im Ruhestand habe viel größere Zeitreserven." Um das Engagement zu fördern, sieht Schröder vor allem den von ihr mit ins Leben gerufenen Bundesfreiwilligendienst als Chance: Dieser steht allen Altersgruppen offen.

"Der Wunsch, mehr Zeit miteinander verbringen zu können, eint alle Familien"

Kristina Schröder, Bundesfamilienministerin