Kommentar

Ran an die Bauklötze - und an den Abwasch

Ein Experte riet neulich Vätern, feste "Papa-Zeiten" mit ihrem Sohn einzuplanen. Eine Stunde pro Tag, vier Stunden pro Wochenendtag, lautete sein Tipp. Dies könne helfen, eine enge Beziehung aufzubauen und die so wichtige Vorbildfunktion für den Junior einzunehmen.

Ich gebe zu, dass mich die Empfehlung dieses Psychotherapeuten empört hat. Natürlich nicht, weil ich etwas dagegen habe, dass sich Väter kontinuierlich um ihre Söhne (und Töchter) kümmern. Im Gegenteil. Mir erscheint die veranschlagte Zeit schlichtweg zu kurz. Eine Stunde pro Tag: Das klingt nach Zusammen-Abendessen-und-dann-mal-kurz-vorlesen-vor-dem-Schlafengehen. Nach Spaß-Papa und nicht nach einem wirklich präsenten, verantwortungsvollen Familienvater. Wo ist so ein Papa, wenn Sohnemann zeigen will, dass er jetzt ganz allein schaukeln kann? Hilfe für die Mathearbeit braucht? Liebeskummer hat? Und, mal ganz davon abgesehen: Wer richtet denn das gemeinsame Abendbrot? Kauft dafür ein? Macht den Abwasch? Auch das sind ja Aufgaben, die das Familienleben mit sich bringt und an denen sich die Väter heute beteiligen wollen (oder zumindest wollen sollten - Stichwort Vorbild).

Die vorgestellten Eckpunkte für den Familienbericht werfen ein Schlaglicht auf das Kernproblem: Den Familien heute mangelt es an Zeit. Vor allem die Väter, aber auch die Mütter wünschen sich, dass sie mehr davon mit ihren Kindern verbringen können. Die Sachverständigenkommission hat auch gleich einige Instrumente vorgeschlagen, die Familien entlasten sollen - darunter mehr und flexiblere sowie wohnortnahe Betreuungseinrichtungen, Freiwilligendienste und Nachbarschaftshilfe.

Das alles ist gut und nützlich. Neu ist es jedoch nicht. Und es kann auch nicht mehr als eine Unterstützung sein. Was es wirklich braucht, sind Neuerungen dort, wo die Ursachen für die kläglich kurze Familienzeit liegen: am Arbeitsplatz. Liberalisierte Öffnungszeiten, der Zwang zu Überstunden, eine übertriebene Präsenzkultur: All dies hat dazu geführt, dass es viele Familien noch nicht einmal schaffen, gemeinsam das Abendbrot einzunehmen. Dabei gibt es viele gute Ideen, wie man die Arbeitswelt familienfreundlicher gestalten kann. Sie reichen vom ganz simpel vorverlegten Konferenztermin und dem Spielzimmer in der Firma über den Heimarbeitsplatz bis hin zum Lebensarbeitskonto, das längere Familien-Auszeiten ermöglicht, etwa für die Erziehung der Kinder oder die Pflege von Angehörigen. Mütter und Väter sollten die Arbeitszeit mitbestimmen und die Arbeitsorganisation mitgestalten können. Sie wissen, wie sie ihren Job und die Familie am besten managen können.

Im Übrigen kann es nicht schaden, noch eine weitere Expertengruppe zum Thema Familienzeit zu befragen: die Kinder. So geschehen im "Kinderwertemonitor 2010" von Geolino und Unicef. Diese Studie zeigt ganz deutlich, dass es den Kindern nicht nur um die Länge der Zeit geht, die ihre Eltern mit ihnen verbringen, sondern auch um die Art. Kinder können sehr gut unterscheiden, ob Mama und Papa wirklich aktiv für sie da sind oder nur körperlich anwesend. Also: einfach mal den Fernseher ausschalten und das Handy weglegen. Und ran an die Bauklötze.