Militäreinsatz

Türkei weitet Offensive gegen PKK aus

Die türkische Armee hat ihre Offensive gegen die verbotene Kurdische Arbeiterpartei (PKK) im Nordirak mit Bodentruppen ausgeweitet. Einer Mitteilung des Generalstabs vom Donnerstag zufolge rückten insgesamt 22 Bataillone mit Unterstützung der Luftwaffe zu fünf Zielen im Nordirak und in der Türkei aus. Die PKK-Kämpfer zeigten sich trotz des Großaufgebots nach Aussage eines ihrer Sprecher gelassen.

Der Generalstab machte keine Angaben zur Gesamtzahl der eingesetzten Soldaten. Militärexperten schätzten die Truppenmobilisierung auf 10 000 bis 15 000 Mann. Der Irak sicherte der Türkei in einer Mitteilung seines Außenministeriums am Donnerstag Unterstützung in Sicherheitsfragen zu. Zuvor hatte die türkische Luftwaffe nach Angaben aus Sicherheitskreisen in der Nacht zu Donnerstag Angriffe auf Stellungen der PKK geflogen. Der militärische Einsatz an der Basis in der südostanatolischen Stadt Diyarbakir sei die gesamte Nacht über sehr intensiv gewesen. Zahlreiche Kampfjets seien von dort gestartet, um mutmaßliche Stellungen der PKK in den irakischen Bergen zu bombardieren.

Die PKK bereitete sich derweil auf den Angriff der türkischen Armee vor. "Wenn sie kommen wollen, lasst sie kommen", sagte PKK-Sprecher Dosdar Hammo der Nachrichtenagentur AFP. Die PKK werde sie willkommen heißen. Insgesamt sollen sich im Nordirak etwa 2000 Kämpfer der Gruppe aufhalten.

Kurdische Rebellen hatten am Dienstagabend bei mehreren gleichzeitigen Angriffen auf türkische Militärposten an der Grenze zum Irak nach amtlichen Angaben 24 Soldaten getötet und 18 weitere verletzt - es waren die drittschwersten Verluste der türkischen Armee, seitdem die PKK 1984 den bewaffneten Kampf gegen die Türkei aufgenommen hatte. Staatschef Abdullah Gül kündigte daraufhin "schreckliche Rache" an. Die türkische Luftwaffe flog am Mittwoch unter anderem Angriffe in den Kandil-Bergen, die als Hauptrückzugsgebiet der Rebellen gelten. Die Türkei, die EU und die USA stufen die PKK als Terrororganisation ein.

Grundsätzlich herrscht in der Türkei nach den schweren Verlusten der vergangenen Tage eine Mischung aus Kriegs- und Krisenstimmung. Das ganze Land fragt sich: Wie konnte das passieren? Es war der drittblutigste PKK-Angriff seit Beginn der Kämpfe im Jahr 1984. Aber damals war das Militär nicht so modern ausgerüstet wie jetzt. Heute überwachen Aufklärungsdrohnen das türkische Grenzgebiet. Auf der irakischen Seite sind US-Drohnen im Einsatz, alle relevanten Informationen über PKK-Ziele und -Bewegungen werden (theoretisch) an die Türken weitergegeben. Nachtsichtgeräte ermöglichen es den Soldaten, Feindbewegungen im Dunkeln zu erkennen. Der türkische Geheimdienst hat beste Kontakte im Nordirak. Obendrein waren die Einheiten im Grenzgebiet seit einiger Zeit im Alarmzustand, da die Angriffe der PKK seit Juli stark eskaliert waren, und überdies in der Region Militäroperationen gegen die Rebellen laufen.

In der Zeitung "Milliyet" schrieb Kolumnist Mehmet Tezkan, er könne ja noch verstehen, dass einer, zwei oder zehn Angreifer unbemerkt über die grüne Grenze gelangen könnten. "Aber 200? Wie konnten sie so leicht herüberkommen? ... Haben wir keine militärische Aufklärung? Funktionieren unsere Nachtsichtgeräte nicht?"

Die Antworten laufen Gefahr, politisch instrumentalisiert zu werden, denn fast alles, was mit dem Militär zu tun hat, ist in der Türkei auch Machtpolitik. Da sind zunächst die Drohnen. Zehn Drohnen vom Typ Heron kaufte die Türkei für 183 Millionen Dollar von Israel, aber dann führte eine radikale israelfeindliche Wende der türkischen Außenpolitik zu einer Eiszeit in den Beziehungen mit Tel Aviv. Hat diese neue Außenpolitik nun türkische Soldaten das Leben gekostet, weil der Einsatz der Heron beeinträchtigt war?

Mittlerweile ist eine Drohne abgestürzt, andere wurden kürzlich zur Wartung und Aufrüstung nach Israel geschickt, Verzögerungen folgten, und ganz allgemein ist nicht klar, wie sich der Streit mit den Israelis auf die Einsatzfähigkeit der Geräte auswirkt. Das Problem soll bald gelöst werden, einerseits durch die neue einheimische Anka-Drohne, deren Tests seit Dezember leider stets mit Bruchlandungen endeten, und durch Erwerb amerikanischer Predator-Drohnen. Washingtons Zustimmung dazu scheint der Lohn für Ankaras Bereitschaft zu sein, einen gegen den Iran gerichteten "Raketenschutzschirm" der Nato auf türkischem Boden zuzulassen.