Wahl in Berlin

Zum ersten Mal: "Endlich kann ich mitbestimmen"

Mit 14 Jahren gründet Stephan Schultz seine erste Partei. Die Musikpartei. Er war ihr Vorsitzender und Pressesprecher zugleich. Das Parteiprogramm sollte schließlich jugendgerecht sein. Der Wettbewerb "Demoskratos" hatte den heute 18 Jahre alten Schüler der Primo-Levi-Oberschule damals zur Politik gebracht.

Am Sonntag hat er das erste Mal gewählt. "Endlich kann ich mitbestimmen", sagt Stephan Schultz. Abgegeben hat er seine Stimme in Hohenschönhausen.

Nach Angaben der Landeswahlleiterin waren 127 190 junge Menschen am Sonntag erstmals wahlberechtigt: 42 663 über 18-Jährige für die Wahl zum Abgeordnetenhaus, 84 527 über 16-Jährige für die Bezirksverordnetenversammlungen. Gereon Fieberg ist einer von ihnen. Der 19 Jahre alte Schüler hat in Pankow gewählt. Er will etwas verändern, seine Stimme hören lassen. Er nennt sich einen Wut-Wähler. "Wir sind zu wenig in die Politik eingebunden", sagt Fieberg. "Wenn wir doch mal in den Fokus rücken, dann nur kurz vor der Wahl, weil sie unsere Stimme wollen." Es gebe keine jugendspezifischen Parteiprogramme, die Sprache sei unverständlich - als Zielgruppe fühlt er sich von den Politikern nicht ernst genommen.

"Die Schüler sind vom Personal gelangweilt", sagt Julie Rothe von der Studentenorganisation Politikfabrik. Politiker wirkten auf junge Menschen wie "alte Männer, die so aussehen, als ob sie schon ihr ganzes Leben im Parteienklüngel stecken". Die 25 Jahre alte Studentin leitet die "Wahl Gang 2011". Das Projekt hat Erstwähler mit Diskussionsrunden an 26 Schulen im ganzen Stadtgebiet auf den Gang an die Wahlurne vorbereitet. Jeweils fünf Politiker der im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien stellten sich den Fragen der Schüler - ihre Antworten wurden nur selten verstanden. "Sie reden halt so, wie sie es gelernt haben", sagt Calvin Mozer (18). Gemeinsam mit Florian Podewski (18) moderierte er die Diskussionsrunde am Bertha-von-Suttner-Gymnasium.

Protestparteien profitieren

Personal, Programm und Selbstdarstellung der Parteien sind für Erstwähler ein wichtiges Entscheidungskriterium. Davon profitieren vor allem die Grünen, Piraten und die NPD. "Der Neuigkeitswert und die jugendgerechte Ansprache stimmen", sagt Professor Oskar Niedermayer, Parteienforscher an der Freien Universität Berlin. Die Rechtsextremen inszenierten sich als "Partei der Kümmerer", die Piraten hingegen setzten auf das "Outlaw-Feeling". Knackige Sprüche, junges Personal und Internetpolitik. "Für viele Jugendliche stehen die Piraten außerhalb des Establishments", sagt Julie Rothe.

Steckt das etablierte Parteiensystem deshalb in der Krise? "Nein, dieses Wahlverhalten ist ganz normal", sagt Parteienforscher Niedermayer. Der Einfluss der Familie auf das Wahlverhalten der Kinder nehme ab. "Früher haben Eltern ihren Kindern vermittelt, dass man als guter Demokrat wählen geht", sagt Niedermayer. Das sei heute weit weniger der Fall. Die Konsequenz: Viele Jugendliche wählen beim ersten Mal nicht oder eine Protestpartei. "Bei ihrer zweiten Wahl hat sich die Bindung an eine solche Partei oft schon wieder aufgelöst", so Niedermayer.

Sind junge Menschen grundsätzlich politikverdrossen? Alles eine Frage der Themen, glaubt Florian Podewski. Sekundarschulen, Studienplätze oder Flugrouten - "Dazu hat jeder etwas zu sagen." Mit dem Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung hat er sich vorbereitet.