Volker Ratzmann

"Der Ball liegt jetzt im Spielfeld von Klaus Wowereit"

Rot-Grün ist nach den Ergebnissen der ersten Hochrechnungen eine rechnerische Option in Berlin, die Koalition käme auf 76 Sitze. Bereits vergangene Woche hatte SPD-Spitzenkandidat Klaus Wowereit jedoch klargestellt, er sei nicht bereit, dafür allzu viele Kompromisse einzugehen.

Isabell Jürgens fragte Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann (51) direkt nach der ersten Hochrechnung, welche Inhalte für seine Partei unverzichtbar sind.

Berliner Morgenpost: Herr Ratzmann, trotz der Zugewinne haben Sie Ihr Ziel verfehlt, Klaus Wowereit als Regierenden Bürgermeister abzulösen. Enttäuscht?

Volker Ratzmann: Nein, gar nicht. Wir wollten zulegen, und das haben wir. Wir haben ja nicht verloren, sondern mit 17,6 Prozent sogar knapp fünf Prozent dazugewonnen. Das ist ein Ergebnis, mit dem wir sehr zufrieden sein können, das Beste, das wir in Berlin je hatten. Und das haben wir Renate Künast zu verdanken.

Berliner Morgenpost: Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast wollte eigentlich den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit ablösen. Warum ist das nicht gelungen?

Volker Ratzmann: Für eine Analyse ist es noch zu früh, darum werden wir uns später kümmern. Ich gebe zu, wir haben nicht alle Wahlziele erreicht, aber wir sind weit gesprungen. Ich bin jedenfalls hoch zufrieden mit dem Ergebnis.

Berliner Morgenpost: Allerdings hat die Piratenpartei mit rund neun Prozent auch von den Grünen Stimmen abgeschöpft. Sind Sie für Ihre Stammwähler zu bürgerlich geworden?

Volker Ratzmann: Die Piraten haben ja nicht nur von uns, sondern auch von den Linken, der SPD und auch den Nichtwählern Stimmen geholt. Ich glaube deshalb nicht, dass wir zu bürgerlich geworden sind. Aber wir werden analysieren müssen, was genau der Grund dafür für die Wanderung war.

Berliner Morgenpost: Welche Handlungs-Optionen ergeben sich aus dem Wahlergebnis für die Grünen?

Volker Ratzmann: Der Ball liegt jetzt im Spielfeld von Klaus Wowereit, er hat von den Wählern den Auftrag zur Regierungsbildung erhalten. Die SPD muss sich jetzt entscheiden, ob Sie mit uns Berlin fit für die Zukunft machen will oder mit der CDU den Kurs zurück in die Vergangenheit antritt. Wir sind bereit zur Zusammenarbeit. Heute freuen wir uns erst mal über das Ergebnis, die SPD muss jetzt den ersten Schritt tun.

Berliner Morgenpost: Welche Zugeständnisse werden Sie der SPD denn keinesfalls machen?

Volker Ratzmann: Es ist jetzt nicht die Zeit, um über konkrete Koalitionsvereinbarungen zu beraten. Wir haben von Anfang an gesagt, was wir für Berlin erreichen wollen. Wir wollen eine bessere Bildung, eine Begrenzung der Mietsteigerungen in Berlin, einen besseren Verkehr für die Stadt und dazu stehen wir auch, das ist die Grundlage auf der wir reden. Natürlich gilt, was wir vor der Wahl gesagt haben. Aber wir werden heute ganz sicher noch nichts über den Inhalt der Koalitionsgespräche sagen.

Berliner Morgenpost: Renate Künast steht als Vize-Bürgermeisterin nicht zur Verfügung. Der Posten geht nun an Sie. Wie wollen Sie Akzente setzen?

Volker Ratzmann: Erst kommen Sondierungsgespräche. Die Personalentscheidungen stehen erst ganz am Schluss, dazu kann ich jetzt noch nichts sagen.

Berliner Morgenpost: Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu Klaus Wowereit?

Volker Ratzmann: Keine Sorge, das ist gut, kollegial und professionell.

Berliner Morgenpost: Wie sieht Ihre kommende Woche aus?

Volker Ratzmann: Am Montag tagen die Parteigremien in Bund und Land und werden das Wahlergebnis analysieren. Wie gesagt, wir werden in Ruhe und Gelassenheit abwarten, wie die SPD weiter vorgehen wird. Wir müssen da gar nichts übereilen.