Kritik

Andrej Hermlin droht der Linkspartei mit Austritt

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Andrej Hermlin ist Jazzmusiker, Sohn des DDR-Dichters Stephan Hermlin und seit 1990 Mitglied der PDS, heute Linkspartei. Vor zwei Jahren noch schwärmte er in einem Wahlspot von den leidenschaftlichen Visionen der Linken, erwähnte aber auch die "Kopfschmerzen", die ihm die Partei gelegentlich bereite. Inzwischen brummt Hermlin der Schädel so stark, dass er der Parteiführung mit seinem Austritt droht.

"Wenn sich bestimmte Entwicklungen in der Linkspartei verstärken, dann macht mein Verbleib in der Partei keinen Sinn", sagte Hermlin der Morgenpost. Schon die antisemitischen Äußerungen der vergangenen Wochen habe er, der Sohn eines Juden, als "persönlich sehr verletzend" empfunden. Er sei enttäuscht, "dass die Parteiführung nicht deutlicher gesagt hat, wo berechtigte Kritik an Israel endet und Antisemitismus beginnt". Auch wenn es um die Verherrlichung der DDR-Vergangenheit gehe, hielten sich einige in der Parteiführung mit ihrer Kritik daran "vornehm zurück".

Als "völlig inakzeptabel" aber bezeichnet der Berliner die Titelseite der "Jungen Welt" zum 50. Jahrestag des Mauerbaus - mit einem Foto bewaffneter Kampfgruppenanhänger vor dem Brandenburger Tor und der Schlagzeile "Wir sagen an dieser Stelle einfach mal: Danke". Wenn Ex-Parteichef Oskar Lafontaine in diesem Zusammenhang von Satire spreche, sei das albern. "Das war keine Satire", sagte Hermlin. "Und selbst wenn es Satire gewesen wäre, dann eine in höchstem Maße geschmacklose, denn ein satirischer Umgang mit den Mauertoten verbietet sich." Hermlin war so empört, dass er sich entschloss, mit seiner Kritik an die Öffentlichkeit zu gehen.

"Ich kann nur Mitglied dieser Partei bleiben, wenn der demokratische Grundkonsens, auf den wir uns schon geeinigt hatten, bestehen bleibt", sagte Hermlin. Eine linke Partei in Deutschland habe nur eine Berechtigung, wenn sie sich auf demokratische Prinzipien gründe. "Die Linke im 21. Jahrhundert kann die sozialistischen Erfahrungen der Jahre 1917 bis 1989 nicht zur Grundlage nehmen", sagte Hermlin. "Das war kein Sozialismus. Das ist nichts, worauf wir aufbauen können." Die Partei brauche eine neue linke Politik.

Die bisherigen Reaktionen auf seine Parteikritik und die Austrittsdrohung reichten von wohlwollender Zustimmung bis hin zu hetzerischen Vorwürfen, ein "bezahlter Agent des Imperialismus" zu sein, sagte Hermlin. Die, wie er sie nennt, "unerfreulichen Tendenzen" in seiner Partei erklärt er auch damit, "dass wir in den vergangenen Jahren bestimmten Diskussionen konsequent aus dem Weg gegangen sind".

Die Partei habe sich Themen von außen aufdrängen lassen und in wichtigen Fragen nicht aktiv Position bezogen. "Wir haben viel über Geld und Strukturen diskutiert, aber nicht über Emotionen und Gefühle", kritisierte Hermlin. Die Partei müsse jetzt so schnell wie möglich klären: Wer sind wir? Was wollen wir?