Mauerstücke

"Ein Super-Glücksgefühl"

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Berlin-Experte und Vorsitzender des Geschichtsvereins Historiale ist Wieland Giebel. 1997 gründete er den Verlag "Berlin Story".

Seine gleichnamige Buchhandlung führt mehr als 3000 Bücher in zwölf Sprachen zu Berlin und ist Anlaufpunkt für Touristen aus aller Welt. Zu den Titeln seines Verlages zählt "Die Berliner Mauer in der Welt" (192 S., 19,80 Euro). Das Gemeinschaftsprodukt mit der Bundesstiftung Aufarbei- tung der SED-Diktatur verschlang zwei Jahre Arbeit. Mit Giebel sprach Andrea Kolpatzik.

Berliner Morgenpost: Wie entstand die Idee zu diesem Buch?

Wieland Giebel: Das war relativ einfach. Dieser Aspekt der Berliner Mauer war völlig neu. An so etwas hatte bisher niemand gedacht. In dem Buch erzählen Sie die Geschichten einzelner Mauerelemente.

Berliner Morgenpost: Nach welchen Kriterien haben Sie ausgewählt?

Wieland Giebel: Nach Bedeutung und Erreichbarkeit. Das heißt ganz konkret: Welcher Besitzer eines Mauerstücks antwortet überhaupt auf unsere Anfrage? Die Autoren konnten für das Buch ja nicht extra um die halbe Welt jetten. Aber auch die globalgeschichtliche Perspektive war wichtig. Wir wollten zeigen, dass die Mauer weltweite Bedeutung hat und eine Zeitenwende markiert. Erst dann versteht man, warum so viele Leute ein Element aus der Mauer haben wollen.

Berliner Morgenpost: Warum denn?

Wieland Giebel: Weil es ein authentisches Erinnerungsstück ist, mit dem viele Glücksgefühle verbunden sind. Mit der Erinnerung an den Mauerbau geht die Assoziation des Eingesperrtseins einher, mit dem Fall der Mauer hingegen ein Gefühl der Freiheit und Gerechtigkeit.

Berliner Morgenpost: Ist das Ihre Interpretation oder die Ansicht Ihrer Kunden?

Wieland Giebel: Eindeutig die Ansicht unserer Kunden. Die Berliner Mauer ist ein Dauerbrenner und immer im Gespräch bei uns. Dieses Thema hat den Nationalsozialismus deutlich abgehängt. Sobald die Touristen wissen, wo das Brandenburger Tor steht, fragen sie gleich nach der Mauer. Gesprächsanlass ist meist die Frage, ob die Mauerstücke, die wir im Laden verkaufen, auch echt sind.

Berliner Morgenpost: Sind sie?

Wieland Giebel: Ja. Wir garantieren, dass es sich um authentische Stücke aus der Berliner Mauer handelt - und nicht nur um authentische Farbstücke. Ich kenne den Lieferanten und sein Lager.

Berliner Morgenpost: Woran erkennen Sie, dass es sich um echte Mauerstücke handelt?

Wieland Giebel: An der Struktur des Betons. Bei einem zu hohem Quarzanteil werden wir skeptisch.

Berliner Morgenpost: Was ist das wichtigste Mauerstück in der Welt?

Wieland Giebel: Das Stück in der Reagan Presidential Library in Simi Valley in Kalifornien.

Berliner Morgenpost: Warum?

Wieland Giebel: Weil es die größte Ausstrahlung hat. Dieses Mauerstück ist untrennbar verbunden mit Ronald Reagans Satz: "Mr. Gorbatschow, tear down this wall." Er hatte den Mut und die Kraft, die Deutsche Einheit in einer Zeit zu fordern, in der nicht viele an den Fall der Mauer geglaubt haben.

Berliner Morgenpost: Welche Erinnerungen haben Sie an die Berliner Mauer?

Wieland Giebel: Ich bin 1950 geboren, in Thüringen, also in der DDR. Aufgewachsen bin ich dann aber im Wes- ten, habe dort auch den Bau der Mauer miterlebt. Damals war ich elf Jahre alt. Verwandte von uns sind ausgerechnet am Tag des Mauerbaus wieder in die DDR zurückgekehrt. Das habe ich nicht ver- standen. Den Mauerfall habe ich in Bonn erlebt. Damals habe ich beim Europäischen Parlament gearbeitet. Am 9. November 1989 nicht in Berlin zu sein, war grausam. Ich wusste genau, was in der Hauptstadt passiert, und habe es gebannt verfolgt - konnte aber nicht hin. Ich fühlte mich wie ausgesperrt. Noch heute ist der Mauerfall ein sehr emotionaler Moment für mich. Ein Super-Glücksgefühl. Wenn ich Bilder oder Filme über den 9. November 1989 sehe, kommen mir manchmal sogar noch die Tränen.

Berliner Morgenpost: Wie soll an die Mauer erinnert werden?

Wieland Giebel: Ich bin für eine Rekonstruktion. Nur so wird das Grauen der Mauer deutlich. Wichtig wäre es aber, nicht nur ein Stück Berliner Mauer zu rekonstruieren, sondern eine ganze Grenzanlage. Das müsste natürlich an einem authentischen Ort passieren, aber eine wirkliche Idee habe ich dafür leider auch nicht.