Kommentar

Ballermann und Bremse

Wer kennt das nicht? Kaum schaltet man morgens das Mobiltelefon an - sofern man es überhaupt ausgeschaltet hat -, und aufgeregte Anrufe, SMS, Mails fluten los: Alarm, Ernstfall, sofort muss gehandelt werden. Hektik herrscht, bisweilen Hysterie. Wir müssen handeln, egal wie.

Gegen Mittag hat sich der Sturm gelegt, nachmittags erweist sich die ganze Aufregung oft als ziemlich überflüssig. Am Feierabend stellt sich heraus, dass der ganze Aktionismus vor allem unnütze Arbeit erzeugt hat. Wer sich im Urlaub den Luxus gönnen durfte, tageweise einfach mal gar nicht digital zu kommunizieren und den Strom der aufgeregten Mails als unbeteiligter Beobachter wahrnahm, der hat gelernt: Nichtstun ist manchmal die beste Lösung.

Womit wir bei der Politik wären. Dieser Tage jagen sich Informationen im Sekundentakt. Der Dax schlägt Wellen, morgens acht Prozent ins Minus, nach dem Lunch drei Prozent im Plus. Rating für Frankreich runter? Rettungsfonds rauf? Italien-Anleihen kaufen oder Griechen-Papier abstoßen? Experten überbieten sich mit großartigen, leider oft widersprechenden Ratschlägen. Einig sind alle nur, dass gehandelt werden muss, sofort und entschlossen. Aber wie?

Das Problem politischen Handelns ist, dass es lange dauert und zumeist einen Rattenschwanz unabsehbarer neuer Probleme mit sich bringt. Zunächst werden Optionen entwickelt, Einwände geprüft, dann Mehrheiten in Regierung, Koalition und Parlamenten organisiert, manchmal sogar nationale und internationale Folgen abgeschätzt. Die Politik ist eine Schnecke in einer Welt, die nur noch Höchstgeschwindigkeit kennt. Während ein Gesetz mühsam verabschiedet wird, sprintet die Realität längst weiter. Verzichtet die Regierung stattdessen aufs Parlament, wird die Demokratie zuverlässig ausgehöhlt.

Es ist nicht Aufgabe der Regierenden, immer und sofort gegen alles einzuschreiten, im Gegenteil. Nervosität erzeugt meist mehr Nervosität. Gute Politik folgt nicht jeder hektischen Bewegung, sondern hat die selbstbewusste Kraft zu Analyse und Entschleunigung. Volksvertreter dürfen gerade in unruhigen Zeiten Mut zur Gelassenheit beweisen. Dazu gehört allerdings die Fähigkeit zu erkennen, wann es wirklich brennt und wo es nur ein wenig qualmt. Am Ende sind wenige schlechte Entscheidungen immer noch besser als viele.

Wenn der wahlkämpfende Franzose Sarkozy am Dienstag in Berlin einmarschiert, steht die zuwartende Kanzlerin einem Aktionisten gegenüber, der sich am liebsten täglich über epochales Handeln definiert. Einer Umfrage zufolge wünschen sich die Franzosen mehrheitlich eine deutlich entschleunigtere Kraft an der Spitze ihrer Regierung. Die Deutschen wiederum hadern mit ihrer zuwartenden Chefin. Vermutlich ist dieses europäische Duo aus Ballermann und Bremse nicht die schlechteste Führung.