Krawalle in England

"Arrest ist kein Weg aus dem Problem"

In Sichtweite eines verrauchten Trümmerkomplexes an der Tottenhams High Road, auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig, hat sich Peter Brown niedergelassen, ein Maler aus Bath im Westen Englands. Ihn treibt der Anblick der verwundeten Metropole London, sie auf seiner Palette einzufangen mit dem Auge des malenden Historikers.

"Ich wollte die Schlüsselorte der vergangenen Gewalttaten festhalten für eine künftige Verkaufsausstellung", erzählt er. "Dabei weiß ich selber nicht, ob ich mich jemals von diesen Bildern trennen werde."

Festgehalten hat er bereits die Szene an der Ecke Landsdowne Road/High Road, wo ein denkmalgeschütztes Gebäude, mit einem Teppichhandel im Erdgeschoss und Dutzenden von Apartments darüber, ein Raub der Flammen wurde am ersten Tag der Ausschreitungen in England vor über einer Woche. Die Bilder von dem feuerumtosten Gebäude stiegen sofort zu ikonischer Bedeutung auf für eine durch Jugendkriminalität belagerte Gesellschaft. Inzwischen ist dies Eckgrundstück nur noch ein Steinhaufen, die Bulldozer haben das Haus abgetragen.

Zerstörerische Wut

Bald wird das gleiche Schicksal auch dem rußgeschwärzten Block widerfahren, an dessen zerstörter Seite zerborstene Teile herunterhängen wie die reglosen Gliedmaßen einer Marionette. In dem zerstörten Teil dieses Häuserblocks waren ein Juwelier, ein Friseursalon und ein Postamt untergebracht, und so gewürfelt wie diese Geschäftskombination war auch die zerstörerische Wut entlang der High Road, die wahllos angriff, was ihr ungeschützt in die Hände fiel.

Eine landesweite Bürgerinitiative wurde inzwischen gestartet, mit mehr als 160 000 Unterschriften, die danach ruft, dass den Gewalttätern die Sozialleistungen gekürzt, wenn nicht abgesprochen werden. Schon hat der Stadtrat von Wandsworth im Südwesten Londons einem Einwohner für den Fall seiner Verurteilung mit Kündigung der Sozialwohnung gedroht. Petitionen mit mehr als 100 000 Unterschriften müssen landesüblich im Parlament behandelt werden, mit möglichen Folgen für die Gesetzgebung. England steht am Anfang eines großen Umdenkens über den Sozialstaat.

Aber hatte nicht auch die Polizei ihre Macht weitgehend versteckt, zumindest bedeckt gehalten in Tottenham und anderswo? Nummer 398 an Tottenhams High Road beherbergt die örtliche Police Station, die Polizeizentrale von Haringey, wie die übergeordnete Stadtbehörde heißt. Hier genau begann die Zusammenrottung der Jugendlichen am Nachmittag des 6. August, nachdem eine friedliche Demonstration von Freunden und Verwandten des erschossenen Mark Duggan beendet war. Beim ersten Anzeichen der Bedrohung schlossen die Polizisten einen Ring um ihr Gebäude, um es vor Gewalttaten zu schützen; das band vorab schon einmal wichtige Kräfte.

Drei junge Mädchen, Emma, Didem und Duygun, die sich neben der Staffelei Peter Browns aufgebaut haben, tragen ihre eigene Kritik vor, eine sehr politische. "Die ließen doch alles geschehen", sagt die mutigste von ihnen, Emma, "um zu beweisen, was geschieht, wenn die Polizei in England demnächst 16 000 Stellen verlieren soll durch Haushaltskürzungen. Vielleicht waren einige darunter, die demnächst gar nicht mehr in ihren Büros gebraucht werden, weil ihre Stellen abgebaut wurden."

Nein, in ihren Büros tatsächlich nicht, dort sollen die Streichungen ansetzen, im bürokratischen Fettpolster, nicht bei der physischen Präsenz der Patrouillierenden. Die hatten von Anbeginn das Nachsehen, denn nur 3000 Polizisten waren in London, als die Unruhen ausbrachen, auf Straßendienst, bis zu zwei Tage später waren es noch immer ungenügende 6000, ehe endlich, ab Mittwoch, eine Stärke von 16 000 Kräften die Straßen der Acht-Millionen-Metropole sicher machen konnte.

Wege aus der Bandenkriminalität

Um der Bandenkriminalität in den urbanen Gefahrenzonen Herr zu werden, hat David Cameron jetzt Bill Bratton, den Ex-Polizeichef von New York und Los Angeles, kontaktiert, der ihn in London beraten soll, wie dessen Zero-Tolerance-Methode in den Staaten solche Erfolge hat erzielen können. Der Super-Cop ließ aber bereits in einem Interview mit dem amerikanischen Sender ABC wissen, dass mehr nötig sei als nur eine Politik der Festnahmen: "Arrest ist kein Weg aus dem Problem." In der Tat lauert auf der Straße des Fortschritts eine Unzahl sozialer Konflikte, vom Niedergang der Schulen über Drogenmissbrauch, von den vaterlosen Kindern in vielen Einwandererfamilien bis zu der Schwangerschaftsrate unter Teenagern, der höchsten in Europa.

"Working for a safer London", lautet das Motto von Scotland Yard. "Wir arbeiten für ein London mit mehr Sicherheit." Das prangt auch im Schaukasten draußen vor der High Road Nummer 398. Manch lobende Sprüche gesellen sich zu dieser Botschaft. "Wähle 999, wenn du von häuslicher Gewalt hörst. Du rufst an, wir stoppen sie."