50 Jahre Mauerbau

Die Dummheit der totalen Macht

Es ist in der deutschen Geschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte selten vorgekommen, dass etwas gut ausging. Wir Deutsche haben nur unter Spannung zu Einheit gefunden, wir haben uns mit der Demokratie und den Werten des Westens lange nicht anfreunden wollen, wir haben die Niederlage des Ersten Weltkriegs nicht verwunden, wir haben voller Größenwahn einen weiteren Weltkrieg vom Zaun gebrochen. Und wir haben den planmäßigen Mord an den Juden Europas in Gang gesetzt.

Am Ende war Deutschland zerstört und geteilt. Keine Geschichte, derer man froh sein kann. Dafür viel Grund für Scham und Trauer. Ein deutsches Drama aber hat ein gutes Ende gefunden: das Drama der deutschen Teilung. Man muss heute schon sehr genau hinsehen, um zu erkennen, wo - in Berlin und anderswo - die Trennlinie zwischen Ost und West verlief. Zwar gibt es heute - vor allem in Berlin - einen schwunghaften Teilungstourismus. Doch von der drückenden Atmosphäre, die das geteilte Berlin prägte, ist nichts geblieben, sie hat sich in Luft aufgelöst.

Ein zauberhafter Moment

Die DDR, deren Führung viele Tote und noch viel mehr beschädigte Leben auf dem Gewissen hat, ging friedlich unter, kein Toter, nur ein einziges großes Fest. Als der berühmte Cellist Mstislaw Rostropowitsch in Paris von der Öffnung der Mauer hörte, ließ er sich augenblicklich nach Berlin fliegen. Dort nahm er sein Cello, setzte sich am 11. November 1989 gegen Mittag an den Checkpoint Charlie und spielte den DDR-Bürgern, die nun die offene Grenze queren konnten, mit zwei Sarabanden von Bach auf. Das war ein zauberhafter Moment, wie ihn nur eine gelungene Geschichte bereit halten kann. Ein Fest der Freiheit.

Also: Ende gut, alles gut? Nur dann, wenn wir in der Lage sind, mit der Freude nicht die Trauer auszulöschen, zu der so viel Anlass war. Am Tag nach der Öffnung der Mauer war 1989 ein älterer Mann zu sehen, den der Fernsehreporter fragte, warum er zur Mauer gekommen sei und warum er so lange hier verweile. Der Mann antworte: "Ich war hier vor 28 Jahren, als die Mauer errichtet wurde. Und jetzt will ich wieder da sein, wenn sie verschwindet." Bei den letzten Worten konnte er seine Tränen nicht mehr unterdrücken. Es waren sicher Tränen der Erleichterung - aber auch Tränen der Verzweiflung: 28 gestohlene Jahre. Das kann niemand wieder gut machen. Und daher wäre es angemessen, am heutigen Jahrestag des Mauerbaus nicht allein vom glücklichen Ende her zu gedenken.

Ohne Bitternis ist die Erinnerung an dieses Projekt staatlichen Größenwahns wie staatlicher Schwäche nicht möglich. Die Mauer hat das ohnehin schon bizarre, ohnehin schon eingeschlossene Berlin zu einem geradezu verrückten Ort gemacht. Sie hat nicht einfach nur den Osten vom Westen weggesperrt - sie hat Osten und Westen jeweils mit sich selbst allein gelassen. Sie hat zwei absurde Biotope geschaffen. Mit kalter Entschlossenheit hat die SED demonstriert, dass man alle Bindungen missachten, dass man die Menschen dem permanenten Ausnahmezustand aussetzen, dass man mit schierer Gewalt ein Unterfangen durchsetzen kann, das jeder gesunde Menschenverstand als Ausgeburt einer kranken Fantasie erkennen kann. Die sie errichteten, wussten vielleicht nicht, ahnten aber, dass sie mit ihrer dumpfen Aktion den Westen überraschen und schockieren würden. Sie setzten ganz bewusst auf diesen Moment der Schockstarre - erst als von den ratlosen Westmächten gar keine Reaktion kam, zogen sie die Schlinge zu und die Mauer wirklich hoch.

Es wird bis heute viel darüber gerätselt, ob der Westen wirklich etwas hätte unternehmen können, viele Historiker verneinen es. Dennoch muss nachdenklich stimmen, dass die - gut begründete - Zögerlichkeit des Westens eine feste Größe im Kalkül von Ulbricht und Chruschtschow war. Die Feinde der Freiheit kennen die Bequemlichkeit derer, die sich der Freiheit erfreuen können. Und sie wissen, wie schnell totalitäre Fakten geschaffen werden können, wenn auf eine Bedrohung der Freiheit nicht entschlossen reagiert wird. Wir haben uns daran gewöhnt, den Mauerbau als eine defensive Aktion des SED-Regimes zu sehen, das nach dem Aufstand des 17. Juni 1953 und angesichts der anschwellenden Zahl von "Republikflüchtlingen" im Grunde genommen verzweifelt die Grenzen schloss und das Land dicht machte. Der 13. August 1961 gewissermaßen als Anfang vom Ende der DDR. Das mag er vielleicht sogar gewesen sein. Doch sollte man nicht übersehen, dass der Mauerbau für die SED-Führung ein offensives, ja geradezu ein triumphalistisches Unternehmen war.

So scharf wie noch nie zuvor in der deutschen Geschichte demonstrierten Kommunisten hier, was totale Macht, was totaler Staat ist. Erstmals wurde hier gewagt, was Stalin in der Sowjetunion schon längst durchexerziert hatte: die Abtrennung eines ganzes Landes und seine Umwandlung in ein Experimentierfeld, in ein Labor für einen großen Gesellschaftsversuch, Sozialismus genannt. Ein Regime nimmt sich das Recht heraus, Migration zu unterbinden, die letzten Reste von Kosmopolitismus zu ersticken und seine Bürger in ein aussichtloses Experiment zu zwingen. In der SED hat man in den Tagen und Wochen nach dem 13. August 1961 triumphiert, gejubelt und sich ganz auf der Siegerstraße der Geschichte gefühlt. Das "Neue Deutschland" titelte mit einem Hohn, der an Goebbels erinnert: "Unser Staat ist auf Draht."

Seit dem 13. August 1961 hat das Wort Mauer keinen guten Ruf mehr. Das war die längste Zeit der Geschichte anders gewesen. In der Bibel schützte eine Mauer den Tempelbezirk, auch die chinesische Mauer und der Limes schützen. Mauer - das war nicht Enge, sondern Schutz vor Bedrohung und Weite, Reichtum, Freiheit. Die Freiheit der Stadt war durch die um sie gezogene Mauer geschützt. Dieses alte hegende Mauermotiv bemühten, teils bewusst, teils unbewusst, auch die Strategen der SED. Einmal abgeschlossen und von bedrohlichen Einflüssen bewahrt, sollte die DDR erblühen. Und Ulbricht ließ auf die Abschließung tatsächlich eine kleine innere Öffnung folgen. Im kleinen Garten der DDR sollte der schale Traum von Utopia geträumt werden. Das Ergebnis war bekanntlich verheerend.

Die Mauer-DDR lehrt, dass es - auch wenn mancher in unübersichtlichen Zeiten von einer Gesellschaft der Ruhe träumen mag - das Idyll in der Nische trügerisch und schal ist. Doch diesen Glauben ans Idyll gab es auch im Westen der Stadt. Das ist noch gespenstischer, da es ja kein oktroyiertes, sondern selbst gewählt war. Im Schatten der Mauer entwickelte sich ein buntes Subventionsparadies. Noch heute leidet die Stadt darunter, dass sie sich unter kommunistischer Bedrohung in die Unselbstständigkeit treiben ließ und Gefallen fand an der ausgehaltenen Existenz.

Der Skandal der Mauer

Es waren ja nicht nur die Wehrdienstverweigerer, die Freaks, die Bohemiens, die Schriftsteller und Künstler, die im eingeschlossenen West-Berlin fast Spitzweg-hafte Leben führten. Die Teilstadt insgesamt, auch die offizielle, auch die politische, fand Gefallen daran am Tropf zu hängen und die Staatsquote in ungeahnte Höhen zu treiben. Die Fleischtöpfe, an denen man im Westen saß, waren nicht nur Fleischtöpfe der Freiheit.

Es gehört nicht zu den Ruhmesblättern des Westteils der Stadt, dass viele die Mauer im Laufe der Zeit nicht mehr als schmerzhaft empfanden. Sicher, Empörung und Protest sind schwer auf Dauer zu stellen. Deprimierend ist aber doch, was ein Jugendlicher 1986 einem Radioreporter ins Mikrofon sprach: "Ick finde eigentlich nich, dass ich hier eingesperrt bin. Ick kann ja jederzeit raus. Ick setz mir in'n Zuch und dann fahr ick nach Spanien. Dann ist die Sache für mich erledigt." Und dieser Nicht-Wahrnehmung der Mauer entsprach, nicht zuletzt in den besseren Kreisen, eine sehr weit reichende Gleichgültigkeit gegenüber denen, die in Ost wie West unter der Teilung litten. Man kann es heute kaum noch verstehen - aber sie galten als Ewiggestrige, deren Verstörung und Trauer und Verzweiflung man peinlich berührt übersah. Es ist ein Jammer, dass der Antikommunismus noch immer im Ruch steht, eine trübe Sache zu sein. Es ist ein Jammer, dass der fröhliche, der antiautoritäre Antikommunismus in Deutschland so wenig Fuß gefasst hat.

Die DDR war keine gemütliche Nische, West-Berlin kein befreites Gebiet, und der Skandal des 13. August begann schon in den 70er-Jahren zu verblassen. Nicht diejenigen, die im Genuss der Freiheit waren, haben die Mauer zum Einsturz gebracht - sondern die, denen die Freiheit fehlte, seit 1933. Daraus kann man lernen, dass es lohnt, für die Freiheit zu kämpfen. Dass sie nie selbstverständlich und immer bedroht ist. Und dass die Bequemlichkeit, zu der die offene Gesellschaft verleitet, ein Feind der Freiheit ist.