Terroranschläge in Norwegen

Die Schicksale der Überlebenden

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Gina und Knut Lund, Staatssekretärin im Arbeitsministerium und ihr Sohn: Ich war im Büro und arbeitete. Mein Auto war in der Werkstatt, und ich habe Bescheid bekommen, dass ich es um 16 Uhr abholen könnte. Dann rief mich die Werkstatt an und sagte, dass ich es auch schon früher als abgemacht abholen kann. Als ich den Wagen abholte, knallte es, und ich hörte die Explosion in der Stadt. Es war reiner Zufall, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Büro war. Von meinem Zimmer ist nicht mehr viel übrig. Kurze Zeit später rief ich meinen 22 Jahre alten Sohn Knut an. Er war beim Sommerlager der AUF auf Utøya. Er sagte, dass er zurück nach Oslo kommen wollte, aber ich wollte, dass er einfach auf Utøya bleibt. Um kurz nach halb sechs bekam ich eine SMS von meinem Sohn. Er schrieb nicht, was passiert war, aber ich verstand, dass es eine ernsthafte Sache war.

Torunn Husvik, Mitglied der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF: Nach den ersten vagen Meldungen über die Explosion in Oslo hatte ich den Drang, nach Hause zu fahren. Ein Knattern vor der Tür irritierte mich. Wohl ein geschmackloser Scherz mit einem China-Kracher, denke ich und bereite mich auf einen brüsken Ton vor, als ich das Fenster öffne. Aber da draußen spielen keine Kinder mit Böllern. Stattdessen liegen dort zwei leblose Körper. "Er ist als Polizist verkleidet", steht in einer SMS eines Freundes aus der Stadt. Ich verstecke mich hinter einem Baum, wo ich stocksteif liegen bleibe. Ein paar Meter entfernt sehe ich zwei schwarze Hosenbeine. Sie gehen auf und ab. Dann kommt die Polizei. "Hände hoch", schreien sie. Mit einem Speedboot fahren sie uns aufs Festland.

Line Nersnaes, Senior-Beraterin im Justizministerium: Ich stand an meinem Pult im 11. Stock des Ministeriums und bereitete mich auf ein Telefongespräch vor, als ich einen gewaltiges Donnern hörte. Das Donnern füllte den ganzen Raum. Dann weiß ich nur noch, dass ich auf dem Rücken lag, zweieinhalb Meter entfernt. Ich hatte entsetzliche Kopfschmerzen, aber verstand nicht, was da vor sich ging. Unten auf der Strasse sah es aus wie in einen Kriegsgebiet. Oben im Büro hatte ich keine Angst, aber als ich unten auf der Straße war und die Feuerwehrleute und Rettungssanitäter sah, fühlte es sich an, als ob mein Kopf platzen würde. Da bemerkte ich erst, dass ich einen etwa 30 Zentimeter langen Holzsplitter in meinem Kopf hatte. Im Krankenhaus entfernten sie ihn.