Rechtsextremist

Breivik soll für immer ins Gefängnis

Die norwegische Justiz will den Attentäter Anders Behring Breivik möglicherweise wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit anklagen. Damit wäre eine höhere Haftstrafe möglich als bei einer Anklage wegen Terrorismus, wie die Zeitung "Aftenposten" berichtet.

Bislang beruft sich die Polizei bei ihren Ermittlungen zu den Anschlägen in Oslo und auf der Insel Utøya auf einen Terrorismusparagrafen. Bei einer Verurteilung drohen dem 32-Jährigen maximal 21 Jahre Haft. Vielen Norwegern erscheint das zu kurz, auch wenn die Maximalstrafe nachträglich im Einzelfall bei anhaltender Gefährlichkeit des Täters mehrfach um je fünf Jahre verlängert werden kann. Bei einer Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit könnte aber gleich von vornherein eine Höchststrafe von 30 Jahren verhängt werden.

Breiviks Verteidiger hält seinen Mandanten für unzurechnungsfähig. Anwalt Geir Lippestad sagte: "Die ganze Sache deutet darauf hin, dass er geisteskrank ist." Diese Linie werde er vor Gericht verfolgen. Sollte Breivik dem nicht folgen, "muss er sich einen anderen Anwalt suchen", so Lippestad.

Der vom Attentäter selbst gewählte Verteidiger beschrieb den Täter als "sehr kalte Person". "Er hat kein Mitgefühl mit den Opfern gezeigt." Der Anwalt berichtete weiter, der Inhaftierte glaube, er befinde sich in einem Krieg. "Und wenn du in einem Krieg bist, kannst du Dinge wie diese machen", erläuterte er die Sicht seines Mandanten. Der Attentäter meine, dass die Welt ihn erst in 60 Jahren verstehen werde. Die von der Justiz angekündigte rechtspsychiatrische Untersuchung des Attentäters dürfte nach Angaben des Anwalts sechs bis zwölf Monate dauern. Sollte das Gericht ihn für unzurechnungsfähig erklären, wäre die dauerhafte Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung wahrscheinlich.

"Jemand muss den Job machen"

Breiviks Anwalt äußerte sich am Dienstag auch erstmals zu den Gründen, die ihn dazu bewogen, den Job anzunehmen. Die Tragödie habe aus seiner Sicht umso deutlicher gemacht, dass demokratische Traditionen geschützt werden müssen, sagte Lippestad. Und darunter falle auch das Recht auf einen Verteidiger. Aber er habe zehn oder zwölf Stunden über den Fall Breivik nachgedacht, bevor er schließlich zugesagt habe. "Meine erste Reaktion war natürlich, dass das zu schwierig ist, aber ich setzte mich dann mit meiner Familie, Freunden und Kollegen zusammen. Und wir entschieden, dass es an der Zeit ist, an die Demokratie zu denken", sagte er. "Schließlich muss jemand diesen Job machen, wie die Polizei und die Richter auch." Dass Breiviks Wahl überhaupt auf ihn gefallen sei, könne er sich nicht erklären, sagte Lippestad, der Mitglied der norwegischen Arbeiterpartei ist, also jener Partei, die in Breiviks Augen mit ihrer Förderung einer multikulturellen Gesellschaft Verrat an der norwegischen Kultur beging. "Meine Aufgabe ist es nicht, mich mit ihm anzufreunden", sagte Lippestad. "Er wird einen gerechten Prozess bekommen, und es ist meine Aufgabe, das sicherzustellen."

Der Vater des Attentäters will nie wieder Kontakt zu seinem Sohn haben. "In meinen schlimmsten Stunden denke ich, er hätte sich sein eigenes Leben nehmen sollen, statt so viele andere Menschen zu töten", sagte Jens Breivik einem norwegischen Fernsehsender. Er sei verzweifelt, erklärte der Rentner, der heute in Frankreich lebt. "Ich verstehe noch immer nicht, wie jemand so etwas tun kann. Das ist kein normaler Mensch, der so etwas tut." Sein Sohn müsse psychisch krank sein. Der Vater, der sein Gesicht im Fernsehen nicht zeigen wollte, sagte, er habe seit 1995 nicht mehr mit seinem Sohn gesprochen. Die Eltern hätten sich schon 1980 getrennt. Als Junge sei Breivik verschlossen, nicht sehr sozial, aber auch nicht extrem gewesen. Dass er sich jetzt als so extrem rechtsradikal zeige, verstehe er nicht.

Anders Behring Breivik lieferte vor dem Doppelanschlag gegenüber seiner Familie offenbar keine Hinweise darauf, dass er die Taten plante. Breivik "war ein ganz normaler Norweger, ein wohlerzogener Junge. Man kann das wirklich nicht verstehen", sagte seine ehemalige Stiefmutter Tove Oevermo. "Ich habe keine Anzeichen dafür gesehen, dass er diese Person ist. Es ist wirklich ein Schock." Oevermo heiratete Breiviks Vater, als der spätere Attentäter vier Jahre alt war. "Er war ein normales, glückliches Kind", sagte die ehemalige Diplomatin. "Wir hatten eine sehr gute Beziehung, und wir waren gerne zusammen. Ich hatte das Gefühl, dass er mich wirklich mochte."

Oevermo ließ sich von ihrem Ehemann scheiden, als Breivik ein Jugendlicher war. Sie habe jedoch auch nach der Trennung per E-Mail Kontakt zu ihm gehalten, sagte sie. Eine besondere Weltanschauung sei ihr bei Breivik nicht aufgefallen. Er habe über Politik "wie jede normale Person gesprochen, nicht mehr als das. Er hat niemals den Islam erwähnt oder den Hass, den er ihm entgegengebracht haben muss", sagte Oevermo. Im März oder April habe sie ihren ehemaligen Stiefsohn zum letzten Mal gesehen. Er habe sie in ihrem Haus südlich von Oslo besucht und einen normalen Eindruck auf sie gemacht.

Der sich rechtsextremistisch gebende Breivik hatte am Freitag mit einer Bombe Teile des Osloer Regierungsviertels zerstört: Mindestens acht Menschen waren dort getötet worden. Zwei Stunden später begann er das Massaker auf der Insel Utøya und tötete mindestens 68 Teilnehmer eines sozialdemokratischen Jugendlagers. Nach Angaben seines Anwalts war Breivik überrascht, dass er nach dem Bombenanschlag in Oslo überhaupt noch die eine Autostunde entfernte Insel erreichte.