Westerwelle in Afghanistan

Pakt mit den Kriegsfürsten

Es sind zwei sehr verschiedene Männer, die da im Innenhof des Gouverneurspalastes von Masar-i-Scharif einträchtig beisammenstehen. Einmal der Gastgeber, Mohammed Atta Noor, geboren so um das Jahr 1965, früher mal Lehrer, dann Mudschahedin und brutaler Kriegsfürst, seit 2004 Gouverneur der Provinz Balkh im Norden Afghanistans.

Und daneben Guido Westerwelle, geboren am 27. Dezember 1961 in Bonn, früher mal Rechtsanwalt, dann verhinderter Steuerreformer und nun als Außenminister in der Provinzhauptstadt zu Besuch.

Westerwelle ist gekommen, um persönlich "einen neuen Abschnitt in der deutschen Afghanistan-Politik" einzuleiten: Die Übergabe der Sicherheitsverantwortung an den Tadschiken Atta. In sieben Städten und Distrikten des Landes finden in diesen Tagen Übergaben statt, offiziell ist sie in Masar-i-Scharif für diesen Sonnabend vorgesehen. Sie wird bescheiden ausfallen und über Afghanistan hinaus kaum wahrgenommen werden. Westerwelle aber ist es ein Anliegen, das Ereignis "sichtbar" zu machen. Vor allem in Deutschland. Bei seinen Wählern. Darum steht er mit Atta im Innenhof.

Nach Lesart des deutschen Außenministers lässt sich an der Übergabe ablesen, "dass es Fortschritte gibt in Afghanistan. Die Abzugsperspektive, sie wird jetzt konkret." Darum geht es ihm in Wahrheit. Der Akt in Masar-i-Scharif ist der Auftakt zu einem Prozess, an dessen Ende im Jahr 2014 die alliierten Kampftruppen abgezogen sein sollen. "Wir werden diesen Weg weitergehen", sagt Westerwelle. "Wir sind jetzt zehn Jahre hier. Es können nicht noch weitere zehn werden."

Und das sieht nicht nur der deutsche Außenminister so. Die US-Streitkräfte haben bereits mit der Reduzierung ihrer Truppenstärke begonnen. 33 000 der rund 100 000 amerikanischen Soldaten werden bis zum Sommer 2012 wieder in der Heimat sein, so hat es Präsident Barack Obama angeordnet. Die Bundesregierung will Ende des Jahres mit dem Abzug der ersten von rund 5000 deutschen Soldaten beginnen, in drei Jahren sollen dann nur noch zivile Aufbauhelfer und militärische Ausbilder vor Ort sein. Und Westerwelle könnte 2013 als der Mann in den Wahlkampf ziehen, der die Truppe nach Hause holt. Darum geht es ihm, darum geht es auch Obama, der sich im kommenden Jahr den kriegsmüden Wählern stellen muss - und für weitere vier Jahre Präsident der Vereinigten Staaten werden möchte.

Dem Willen der Regierungen werden die Warnungen der Militärs untergeordnet. Ja, es gibt Fortschritte, darin sind sich hohe Offiziere mit der Politik einig. Aber diese Fortschritte sind noch fragil, die Sicherheitslage kann jederzeit wieder kippen. Die erst vor wenigen Monaten aufgestockte Truppenzahl, der noch in den Kinderschuhen steckende Prozess der Verhandlungen mit den Taliban, die Maßnahmen zum Aufbau der Verwaltung - das alles brauchte Zeit, um zu wirken.

Doch die Zeit ist abgelaufen. Die Soldaten reden über eine Ausdauer, die in der Politik niemand mehr hat. Um irgendwie herauszukommen aus Afghanistan, werden die Ziele des Einsatzes stattdessen auf ein Minimalmaß heruntergedimmt. Man sei vielleicht zu ambitioniert gewesen, sagte Westerwelle: "Wir müssen unsere Ziele so realistisch beschreiben, dass wir eine Chance haben, sie zu erreichen." Es geht nicht mehr um Sicherheit, sondern um erträgliche Sicherheit. Es geht nicht mehr um gute Regierungsführung, sondern um leidliches Regieren. Und wer Westerwelle in Masar an der Seite des früheren Kriegsfürsten Atta sieht, der ist versucht, die deutsche Exit-Strategie mit einem derben Spruch aus dem Militärjargon zu beschreiben: "Man muss mit den Bräuten tanzen, die auf der Party sind."

In anderen Gegenden der Welt jedenfalls würde ein deutscher Außenminister einem Mann wie Atta kaum so höflich begegnen. Zwar hat der Mann, der einst in Reihen der Nordallianz gegen die sowjetischen Besatzer kämpfte, ein eloquentes Auftreten. Sein schwarzer Rauschebart aus Kriegstagen ist gestutzt, er trägt Anzug und vermag sich überzeugend als Gegner des Drogenanbaus zu beschreiben. Nun mag es zwar keinen Anbau von Schlafmohn mehr in der Provinz Balkh geben. Drogenhandel dafür umso mehr. Und wie anders als mit solchen Geschäften, fragt ein deutscher Offizier, ist der Afghane Atta auf die "Forbes"-Liste der 500 reichsten Menschen der Welt gekommen?

Mit diesem Vermögen jedenfalls bezahlt der Gouverneur Mitarbeiter, die im Zweifel nur auf ihn hören - und nicht auf Präsident Hamid Karsai im fernen Kabul. Auch Atta selbst setzt Anweisungen der Zentralregierung nur nach Gutdünken um. Die staatlichen Institutionen sind fest in seiner Hand, die Provinz Balkh ist auf dem Weg zu einem privaten Fürstentum. Dennoch wird Atta von Deutschen und Amerikanern hofiert - immerhin hat er die Sicherheitslage weitgehend im Griff und zeigt Bereitschaft zu wirtschaftlicher Modernisierung. Unter seiner Führung mauserte sich Masar zu einer - für afghanische Verhältnisse - boomenden Metropole, die Bevölkerung hat am Aufschwung teil, es gibt asphaltierte Straßen, eine funktionierende Stromversorgung.

Deutsche Diplomaten und Militärs gestehen in vertraulichen Gesprächen ein, dass die Zusammenarbeit mit dem Gouverneur nach westlichen Maßstäben "problematisch" sei. Aber wenn die Versöhnungsgespräche Karsais mit den Taliban erst einmal in Gang kämen, werde man sich noch mit ganz anderen Leuten an einen Tisch setzen müssen. "Wir werden Hände schütteln", sagt ein hoher Diplomat, "und uns danach ganz schnell waschen." Aber nur durch solche Kooperation sei der Abzug bis 2014 zu schaffen.

Im Innenhof des Gouverneurspalastes von Masar-i-Scharif ist von alldem nicht die Rede. Beflügelt von deutschen Zusagen für weitere Entwicklungshilfe, entspricht Atta den Erwartungen seines Gastes, als er erklärt: "Wir sind gut vorbereitet. Lassen Sie uns hoffen, dass wir keine Schwierigkeiten bekommen." Hoffnung aber ist Westerwelle nicht genug: "In Masar muss die Übergabe gelingen", sagt er. Und wenn nicht? Der Prozess, sagt Westerwelle, sei unumkehrbar.