Kommentar

Ein Fußballplatz ist kein Ponyhof

Eines der meistgehörten Argumente pro Frauenfußball lautet: Die spucken nicht. Erstens ist das falsch, zweitens gibt es gute physische wie psychologische Gründe fürs Spucken auf den Rasen, ja, und drittens zeugt diese romantische Vorstellung vom artigen, sittsamen Mädchen von einer groben Fehleinschätzung, was Leistungssport kann, will und soll.

Dieser WM gebührt der Verdienst, mit all den albernen Stereotypen aufzuräumen, die vor allem Frauen über Frauen-Fußball zu verbreiten pflegen: Es wird nicht körperlos, sondern knochenhart gespielt, es wird inzwischen so gut verteidigt, dass die angeblich viel schöneren Spielzüge oft im Ansatz schon harsch unterbrochen werden. So geht nun mal moderner Fußball, egal, wer ihn spielt.

Und es wird gespuckt, auch deswegen, weil sich im Mund nach spätestens einer Viertelstunde Gerenne allerlei komisches Zeug ansammelt. Spucken ist nicht Nachweis schlechten Benehmens, sondern eine Geste der Befreiung eines Sportlers, der verdammt viel rennt. Bei Borussia Dortmund laufen die Feldspieler im Schnitt zwölf Kilometer pro Spiel.

Dieser Rackerei im roten Bereich nähern sich auch die Frauen an. Ein Fußballplatz ist eben kein Ponyhof, sondern Arena für einen bisweilen gnadenlosen Kampfsport, der sich mit der zunehmenden Professionalisierung des Frauenfußballs den althergebrachten Rollenbildern entzieht - was auch bei der Niederlage der deutschen Elf gegen Japan im Viertelfinale zu beobachten war.

Der verbreitete Glaube an einen typisch weiblichen Sport wird zerstört von den brutalen Regeln des athletischen Hochleistungsbetriebs. Ein zunehmend von Wissenschaft, von Physik, Biomechanik und Computermodellen optimierter Spitzensport folgt nicht der Logik von Geschlechterrollen, sondern dem Zwang zur unablässigen Optimierung. Wie schnell diese Entwicklung verläuft, beweist prototypisch der Frauenfußball. In ein, zwei Jahrzehnten hat dieser Sport einen Entwicklungssprung durchgemacht, für den die Männer deutlich länger gebraucht haben. Ergebnis ist die zunehmende Ähnlichkeit auf allen Ebenen: Das Zerstörerspiel etwa, das die Holländer im EM-Finale 2010 gegen Spanien anwendeten, kopierten die Nigerianerinnen im Match gegen die deutsche Elf.

Wie in vielen anderen Disziplinen nähern sich Männer und Frauen in der Weltspitze nicht nur von den Leistungen, sondern auch von der Physis her immer weiter an. Früher ließ sich an Physiognomie und Verhalten oft ein geschlechterspezifischer Unterschied erkennen: Heute sind bei Sprint, Kugelstoßen, Marathon oder Basketball kaum mehr Differenzen auszumachen. In der absoluten Spitze gleichen sich die Körper auffallend, denn die Herausforderungen sind identisch: höher, schneller, weiter. In vielen Disziplinen sind die Abläufe derart speziell, dass es tatsächlich so etwas wie einen idealen Körper für die jeweilige Aufgabe gibt, völlig unabhängig vom Geschlecht. Wo Kraft erforderlich ist, braucht es eben Muskeln; wer Ausdauersport betreibt, trainiert sich zwangsläufig das Körperfett bis zur Klapprigkeit weg. Im Sport zählt nun mal nicht Anmut, sondern allein der Erfolg.