EHEC

"Diese Epidemie übertrifft alles"

Sie haben alle nicht viel geschlafen in den vergangenen drei Wochen. Und sind dann gleich wieder ins Krankenhaus. Auf die Intensivstation. Zu ihren zu Dutzenden isolierten Patienten. In einen Kampf, in dem sie ihren Gegner nicht so richtig dingfest machen konnten. Der sie gelegentlich ratlos gemacht hat.

Der junge Menschen, die gerade noch kerngesund gewesen waren, zu Schwerstkranken machte. Zu Patienten, von denen man nicht wusste, ob sie das überleben würden. Und wenn ja, dann wie? Krankenhausärzte, Pfleger und Krankenschwester haben eine Zeit hinter sich, die sie nicht vergessen werden. Wir haben Dr. Tanja Kühbacher von der Uniklinik Kiel, die Assistenzärztin Susanne Fleig von der Medizinischen Hochschule Hannover und Dr. Matthias Janneck vom Uniklinikum Eppendorf in Hamburg in ihren Kliniken besucht.

Berliner Morgenpost: Ist es jetzt vorbei?

Janneck: Vorbei noch nicht. Aber viele Patienten konnten gesund entlassen werden. Andere sind von der Intensivstation auf die normale Station verlegt worden. Wieder bei anderen kann man leider nicht sagen: Alles ist gut.

Kühbacher: Wir haben seit ein paar Tagen keine neuen Patienten. Das ist ein gutes Zeichen.

Fleig: Es gibt deutlich weniger Patienten, die neu zu uns kommen. Aber es ist noch nicht ausgestanden.

Berliner Morgenpost: Gab es in den vergangenen Wochen einen Moment, in dem Sie gedacht haben: Oh Gott, was ist hier bloß los?

Kühbacher: Das ging uns ja allen so. Diese Epidemie übertrifft alles, was wir bisher gesehen haben. Gerade weil es hauptsächlich junge Menschen trifft, die zuvor nie erkrankt waren. Und die sind auf einmal schwer krank. Aus dem Nichts. Das ist sehr beunruhigend.

Fleig: Wir waren sehr besorgt, als die üblichen HUS-Behandlungen nicht anschlugen. Als dann auch noch die neurologischen Ausfallerscheinungen dazukamen, manche Patienten immer apathischer wurden, manche Wahnvorstellungen bekamen, da haben wir schon Angst bekommen.

Janneck: Als die Zahlen immer größer wurden, habe ich schon gedacht, dass nimmt allmählich die Dimension der Sturmflut von 1962 an. 100 weitere Patienten hätten wir nicht verkraftet.

Janneck: Sturmflut. Da denkt man im Norden ja zwangsläufig an Helmut Schmidt. An einen, der das Heft in die Hand nimmt. Doch bei EHEC hat sich da niemand aufgedrängt.

Berliner Morgenpost: Fühlen Sie sich von der Politik hinreichend unterstützt?

Kühbacher: Ich hätte mir auf Bundesebene ein schnelleres Reagieren, das schnellere Einsetzen einer Task-Force gewünscht.

Janneck: Das Wesentliche haben die Kliniken unter sich ausgemacht. Da gab es wenig Unterstützung. Das Gefühl für die Dramatik der Situation ist bei Politik und Medien sehr langsam gewachsen.

Fleig: Am Anfang haben wir uns gewundert: Warum kommt da nichts? Warum sagt keiner was? Warum steht nichts in den Zeitungen? Wir wussten doch, dass es in Lüneburg und Hamburg schon so viele Fälle gibt. Und wir hatten auch welche.

Berliner Morgenpost: Was haben sie dann getan?

Fleig: Wir haben versucht, das Gesundheitsamt zu erreichen. An einem Freitag. Das war gar nicht so einfach.

Berliner Morgenpost: Und?

Fleig: Es hat dann doch geklappt. Mich hat sogar am Sonntagabend eine Amtsärztin angerufen, der ich die Fälle geschildert habe. Aber wir hatten den Eindruck, dass alles etwas schleppend in Gang kommt. Gerade, was die Suche nach dem Fokus der Krankheit angeht.

Berliner Morgenpost: Warum kamen die Sprossen wohl erst so spät ins Spiel?

Janneck: Sie stand ja auf den Fragebögen. Aber die Sprosse ist kein Nahrungsmittel, an das man sich erinnert. Das kam häufig erst nachträglich, als die Sprosse in den Verdacht geraten war. Jeder erinnert sich an Hackfleisch, an Tomaten. Aber an Sprossen? Das war extrem schwierig herauszufragen.

Janneck: Man ist sich unter den Medizinern nicht ganz einig über die Rolle des Robert-Koch-Instituts (RKI). Die Hamburger loben es. Die Kieler Uni wurde von den Berliner Wissenschaftlern zunächst ignoriert, was an der Förde auf Unverständnis traf. Wenig später bat das RKI dann doch noch um Informationen aus Kiel. Darin wurden Sprossen von vielen Patienten als Nahrungsmittel genannt.

Berliner Morgenpost: War Ihre Klinik auf so eine Epidemie ausreichend vorbereitet?

Kühbacher: Das kann man gar nicht sein. Es gibt ja Katastrophenpläne. Aber wenn so eine Situation eintritt, dann kann man das nicht vorplanen. Das war ja keine Grippewelle, die sich vorher angekündigt hat. Wenn etwas so plötzlich kommt, dann kann man nicht vorbereitet sein.

Janneck: Sie müssen sich das mal vorstellen: Früher gab es Probleme, wenn wir die dritte Plasma-Behandlung an einem Tag angemeldet haben. In den letzten Wochen hatten wir 40 solcher Behandlungen. Pro Tag. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass das geht. Die Situation war grenzwertig.

Berliner Morgenpost: Wie reagieren die Patienten, wenn ein Arzt kommt, der ihnen nicht genau sagen kann, wie man ihre Erkrankung erfolgreich behandelt?

Janneck: Bis auf wenige Ausnahmen extrem gefasst. Sie haben natürlich Angst, aber wenn sie gesehen haben, dass wir was tun, dann hilft das schon. Auch wenn man gar nicht sicher sein kann, dass das, was man tut, wirklich hilft. Man hangelt sich da manchmal von Blutwert zu Blutwert und hofft gemeinsam, dass es besser wird.

Berliner Morgenpost: Bleiben Sie gefasst in solchen Momenten?

Janneck: Nach außen bekommt man das hin. Aber wenn sie vier Schwangere auf der Station haben, mit denen Sie besprechen, ob nun das Leben des Kindes, das Leben der Mutter oder das Fortbestehen der Familie das höchste Gut sein soll, dann ist man nach dem dritten Gespräch am Ende.

Fleig: Am wichtigsten ist, offen mit den Patienten zu reden und ihnen zu zeigen, dass man für sie da ist, dass sie nicht alleine sind.

Fleig: EHEC wird die Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern in ganz Deutschland noch eine Weile beschäftigen. In den Kliniken, in der Wissenschaft. Immerhin: Wenigstens beim Essen werden auch sie sehr bald wieder zur Normalität zurückkehren.

Berliner Morgenpost: Haben Sie selbst in den vergangenen Wochen auf Rohkost verzichtet?

Fleig: Ja. Wenn man so nah dran ist und weiß, wie es den Kranken geht, dann möchte man lieber auf der Seite derjenigen bleiben, die helfen und nicht zu denen gehören, die Hilfe brauchen.

Kühbacher: Ja, aber ich komme gerade ohnehin nicht so viel zum Essen.

Janneck: Ja. Allerdings konnte ich diese Gurkendiskussion irgendwann nicht mehr hören. Das verliert doch enorm an Gewicht, wenn hier die Menschen um ihr Leben ringen.