Interview

"Das aktuelle Verfahren mit der Organspende ist wirklichkeitsfremd"

Das Thema Organspende rückt erneut in den Blickpunkt der Öffentlichkeit: Die deutschen Apotheken werben ab diesem Donnerstag mit einer großen Kampagne für mehr Organspender. Das Motto lautet: "In jedem steckt ein Lebensretter".

Tatsächlich warten allein in Deutschland mehr als 12 000 Menschen auf ein neues Organ. Doch nur 18 Prozent der Deutschen besitzen einen Spenderausweis. Auf Initiative der Fraktionsvorsitzenden von SPD und Union, Frank-Walter Steinmeier und Volker Kauder, soll es deshalb jetzt auch gesetzliche Änderungen geben. Am Mittwoch beriet der Gesundheitsausschuss des Bundestags erstmals über die Frage, ob jeder Bürger einmal im Leben zu seiner Bereitschaft für oder gegen die Organspende befragt werden soll (sogenannte Entscheidungslösung). Über die Argumente dafür sprach Carolin Brühl mit dem Berliner Herzchirurgen Reinhard Pregla, der mit der Initiative "Pro Organspende" schon lange für eine entsprechende Änderung des Transplantationsgesetzes eintritt.

Berliner Morgenpost: Herr Pregla, in Spanien wird jeder, der zeit seines Lebens nicht ausdrücklich widerspricht, automatisch zum Organspender. Die deutsche Politik erwägt die Einführung der sogenannten erweiterten Entscheidungslösung, die jeden einmal in seinem Leben mit der Frage nach seiner Spendebereitschaft konfrontiert. Welche Lösung würden Sie sich wünschen?

Reinhard Pregla: Prinzipiell ist sicher die Widerspruchslösung die, die am nahesten an der Wahrheit dran ist. Denn die Realität sieht so aus, dass jeder, aber auch wirklich jeder im Fall eines Falles ein Spenderorgan für sich oder sein Kind akzeptieren würde. Darum muss im Umkehrschluss jeder auch bereit sein, selbst Organe zu spenden. Natürlich kann man das nicht wie in einem totalitären System für jeden vorschreiben, aber man kann es zumindest von der Einstellung her voraussetzen. Das spiegelt so eine Widerspruchslösung wider und gibt aber gleichzeitig jedem die Möglichkeit zu hinterlegen: "Nein, ich möchte eben nicht!"

Berliner Morgenpost: Was wollen Sie denn?

Reinhard Pregla: Die Tätigkeit unserer Stiftung lässt sich am besten damit beschreiben: Wir wollen das, was realistisch, erreichbar und praktikabel ist. Die Widerspruchslösung ist seit Jahrzehnten immer wieder in allen Parlamenten der Länder und des Bundes gescheitert. Es gibt eingefahrene Fronten von Politikern, aber auch von anderen Meinungsträgern, die gegen eine solche Lösung quasi unbeweglich in so einem Grabenkrieg verhaftet sind. Unserer Meinung nach sollte deshalb jeder zumindest einmal in seinem Leben die Chance bekommen, sich zur Frage der Organspende zu äußern. Es ist dann auch die Aufgabe des Staates, dafür zu sorgen, dass jeder einmal im Leben die Chance bekommt, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Und wenn ich mich einmal mit 18 für so etwas entscheiden muss, dann wird alles andere automatisch erfolgen. Dann sagen die Leute: Moment mal, ich muss mich ja informieren. Dann werden auch die Schulen darauf anspringen. Es wird ein wichtiges Thema werden.

Berliner Morgenpost: Warum geht das nicht auch mit dem derzeit noch praktizierten Verfahren?

Reinhard Pregla: Ob Widerspruchs- oder Zustimmungslösung, wir haben jetzt die erweiterte Entscheidungslösung. Jetzt ist es so, dass die meisten sich ja nicht zur Frage der Organspende äußern und dass dann im Fall des Falles die Angehörigen entscheiden müssen. Die sind in einer Situation, in der man sich nicht mit einer solchen Frage beschäftigen möchte, weil sie in diesem Moment einen nahen Angehörigen verloren haben und emotional überfordert sind. Da das Thema aber in unserer Gesellschaft gar nicht diskutiert wird, wissen die Angehörigen nicht, wie sie sich entscheiden sollen, was im Sinne des Verstorbenen gewesen wäre. Vielleicht wäre es aber der größte Wunsch des Toten gewesen, anderen Menschen noch zu helfen. Darum ist die jetzige Lage aus unserer Sicht absolut indiskutabel.

Berliner Morgenpost: Nur 18 Prozent der Deutschen haben im Moment einen Organspendeausweis. Wie kann man diese Situation aus Ihrer Sicht verbessern?

Reinhard Pregla: Bislang kann man sich so einen Ausweis bestellen, zum Beispiel über die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder unsere Stiftung. Aber wer schreibt schon einen Brief mit einem Euro Porto und lässt sich das zuschicken. Das ist zwar theoretisch möglich, aber wirklichkeitsfremd. Wir haben deshalb erstmals die Organspendeausweise auf Plastikkarten gedruckt. Wir haben mit der "Bild"-Zeitung zwei Millionen, mit der "Hörzu" 1,6 Millionen und mit der "Super Illu" 750 000 verteilt. Ich denke aber nicht, dass dafür jeder einen eigenen Ausweis haben sollte, wir haben schon genug Plastikkarten im Geldbeutel. Wir schlagen vor, diese Information auf den neuen Ausweisen abzulegen, denn erstens haben wir in den Einwohnermeldeämtern ein großes praktikables Netz von Ansprechpartnern, und zweitens kann auf die Information auf dem Magnetstreifen keiner so einfach zugreifen. Zudem kann ich jederzeit meine Entscheidung wieder ändern, und nur Befugte, wie zum Beispiel ein Beauftragter der DSO in der Klinik, können die Information von dem Ausweis auslesen.