Gesundheit

Bahr lobt "unermüdlichen Einsatz der Ärzte"

Es gibt mindestens eine gute Nachricht an diesem Sonntagnachmittag in der Eppendorfer Uniklinik in Hamburg, dem Epizentrum der EHEC-Epidemie: Es kommen mittlerweile deutlich weniger Menschen, die sich infiziert haben in die EHEC-Notaufnahme. Die Zahl der Neuerkrankungen geht also zurück, hier am UKE, auch in den anderen Hamburger Kliniken.

Manche Erkrankte seien inzwischen auf dem Weg der Besserung, berichten die zuständigen Ärzte. Es gebe mittlerweile HUS-Patienten, deren Nieren wieder zu arbeiten beginnen und bei denen die Dialyse nicht mehr notwendig sei.

Alles keine schlechten Zeichen. Und insofern hat sich Gesundheitsminister Daniel Bahr einen guten Tag ausgesucht, um an die Elbe zu kommen. Kaum am Haupteingang des neuen Zentralgebäudes, wird er schon bestürmt von Dutzenden Fotografen und Kameraleuten und Fragestellern. Was er denn nun zu sagen habe zu dem Krisenmanagement, das so chaotisch wirke. Tja, was soll er dazu nun sagen?

Also fängt Bahr, der ja auch nicht länger in diesem Amt ist als das EHEC-Bakterium unter den Leuten hier im Norden, gleich mal mit dem Loben an: Der "unermüdliche Einsatz der Ärzte", der unermüdliche Einsatz der Pflegekräfte", die "gute Zusammenarbeit der Krankenhäuser". Diese Arbeit wertzuschätzen und mit den Patienten zu sprechen, das sei der eigentliche Grund seines Kommens, sagt der Minister. Später wird er berichten, dass es auf der Intensivstation neben viel Kummer auch Freudentränen gegeben habe, weil manche Patienten Zeichen der Besserung verspürten.

Während der Minister also auf Krankenbesuch im UKE ist, läuft die EHEC-Nachrichtenmaschine gerade wieder in eine ganz andere Richtung. Niedersachsens Landwirtschaftsinister Gerd Lindemann (CDU) hat für den Abend eine Pressekonferenz angesetzt, und unter den Journalisten in Hamburg macht dessen Botschaft bereits die Runde: Keimsprossen aus Niedersachsen, aus der Gegend um Uelzen seien womöglich im wahrsten Sinne des Wortes die Wurzel des EHEC-Übels.

Daniel Bahr macht für eine Moment den Eindruck, als könne er doch gleich sehr ärgerlich werden. Ganz spurlos geht die Kritik, die mittlerweile über die Gesundheitsbehörden, auch über das Robert-Koch-Institut gestülpt wird, nicht an dem Jungminister vorbei. Dann fängt er sich gleich wieder und verweist auf "Vermutungen und Spekulationen", zu denen er sich hier nicht äußern werde. Hier in Hamburg bleibt man dabei und warnt vor "dem Verzehr von Tomaten, Salat und Gurken". Sprossen, die gesundheitsbewusste Menschen ja sehr gerne über ihren Salaten verteilen, bleiben offiziell unerwähnt.

Widersprüchliche Warnungen

Das ist wissenschaftlich betrachtet vermutlich keine dumme Entscheidung, schließlich kann auch der Landwirtschaftsminister in Hannover seine Erkenntnisse noch nicht mit laborbefundgesicherten Ergebnissen untermauern. Für den Bürger, der in dieser im Ernstfall lebensbedrohlichen Angelegenheit nicht bereit ist, zwischen einem Ministerwort in Hamburg und einem Ministerwort in Hannover fein zu unterscheiden, bleibt an diesem Sonntag einmal mehr der Eindruck von chaotischem Hin und Her. Bahr warnt vor Gurken, Lindemann vor Sojakeimen. Für den einen ist das, was der andere offiziell sagt, blanke Spekulation. Hier Gurken aus Spanien, dort Sprossen aus Niedersachsen, da kann man schon ins Grübeln kommen.

Kein Wunder also, dass sich die kritischen Stimmen häufen: "Auch über einen Monat nach Ausbruch der Seuche arbeiten Ministerien, Bundesbehörden, Bundesländer, Kliniken und Gesundheitsämter unkoordiniert nebeneinander her, ohne dass eine klare Linie erkennbar ist", fasst SPD-Bundestags-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann seine Sicht der Dinge zusammen. Der Ärztliche Direktor der Charité, Ulrich Frei, bemängelt das Befragungssystem des Robert-Koch-Instituts, das zu wenige Patienten persönlich befragen würde. Tschechiens Agrarminister meldet sich ebenfalls zu Wort und beklagte den langatmigen Informationsfluss hierzulande. Bei den Deutschen kann das mitunter fünf Tage dauern."

Bahr weist die Vorwürfe zurück: "Ich sehe derzeit keinen Hinweis darauf, dass die Systeme und Regeln, die wir haben, nicht funktionieren", sagt er und erntet dafür sowohl die Zustimmung seiner sozialdemokratischen Hamburger Amtskollegin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) als auch die des mittlerweile ziemlich angegriffen wirkenden RKI-Chefs Reinhard Burger. Der erklärt, dass die rund 60 Interviews, die seine "Teams" inzwischen mit HUS-Patienten gemacht hätten, durchaus valide Ergebnisse gebracht hätten. Den Eindruck, dass die Personaldecke für derlei Fälle möglicherweise etwas arg eng anliegt, konnte er damit am Sonntag nicht verwischen.

Immerhin, ein paar ganz schnelle Informationen zum Stand der Dinge hatte RKI-Chef Burger dann doch noch mitgebracht. 1526 bestätigte EHEC-Fälle gibt es mittlerweile bundesweit, davon 627 mit der schweren Verlaufsform HUS. 21 dieser Menschen sind mittlerweile verstorben. Einer ganzen Reihe geht es weiterhin so schlecht, dass Lebensgefahr besteht.