Gesundheit

Klara Marie, das EHEC-Baby

Es ist eine jener kleinen, zarten Geschichten, die einem an diesen manchmal gar nicht fröhlichen Tagen doch wieder Hoffnung machen. Eine Geschichte, die man gar nicht so recht glauben will, wenn sie einem das erste Mal erzählt wird. Bei der man zunächst furchtbar erschrickt und ganz ängstlich zuhört. Bei der man sich schließlich doch noch entspannt und sich freut.

Die Geschichte beginnt am 17. Mai, einem Dienstag. Kein Mensch kennt EHEC. An diesem Tag bekommen Manuela W. und ihr Lebensgefährte René Durchfall. Die beiden leben und arbeiten im Lauenburgischen. Sie betreibt einen kleinen Blumenladen in Ratzeburg, einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein mit rund 14 000 Einwohnern, mit dem Auto 30 Minuten von Hamburg, Lübeck und Schwerin entfernt. Das "Gänseblümchen", so heißt das Geschäft, wird liebevoll geführt. Er ist Gärtner bei der Friedhofsverwaltung. Und natürlich lassen sich die beiden von so ein bisschen Kleckerei nicht abhalten und gehen wie immer zur Arbeit. Manuela versucht, ein bisschen kürzerzutreten, schließlich ist sie in der 35. Woche schwanger. Sie freut sich so sehr auf ihr Kind. Seit elf Jahren sind Manuela und René zusammen. Und endlich, endlich hat es geklappt. "Es war eine traumhafte, wunderschöne Schwangerschaft", erzählt die 30-Jährige. Bis dahin jedenfalls.

Bei René ist der Spuk bald wieder vorbei, die Beschwerden verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Bei Manuela aber bleiben sie, es wird sogar noch etwas schlimmer. Am Sonntag fährt sie mit ihrem Freund ins Ratzeburger Krankenhaus, auch da ist von EHEC nicht die Rede. Mit dem Kind ist alles okay, die beiden fahren auf eigenen Wunsch wieder nach Haus. Das wird schon werden, und man muss sich doch um den Laden kümmern, ums "Gänseblümchen".

Am Dienstag früh auf dem Blumengroßmarkt weiß Manuela W., dass es nichts wird. Sie erleidet einen Schwächeanfall, René lässt alles stehen und liegen und fährt seine schwangere Frau ins Krankenhaus. An diesem Tag, es ist der 24. Mai, beherrscht das EHEC-Bakterium erstmals die Schlagzeilen. Manuela wird nach Lübeck in die Uniklinik verlegt. "Ich habe da schon gespürt, dass die Bewegungen in meinem Bauch weniger und langsamer wurden." Noch am Abend entscheiden sich die Ärzte zum Kaiserschnitt. Um 22.25 Uhr kommt Klara Marie zur Welt. Vier Wochen früher als geplant, mit 2455 Gramm auch ein wenig leichter als gedacht, immerhin 47 Zentimeter lang. Klara Marie muss sicherheitshalber noch ein wenig in den Brutkasten, aber im Prinzip ist das Wunschtraumkind munter, gesund und unglaublich süß. Manuela W. dagegen ist schwer krank.

"Ich war total fertig, als ich in Lübeck ankam", sagt die Floristin. Nur ganz vage hat sie mitbekommen, "dass sie das Kind jetzt holen". Als sie aus der Narkose erwacht, nachts so gegen halb drei, sitzt René an ihrem Bett und erzählt ihr von ihrer wunderbaren gesunden Tochter. "Er sah völlig gelöst und glücklich aus." In Wahrheit hat der große, starke René furchtbare Angst um seine zierliche Frau, um "mein Mäuschen". Manuela hat nämlich nicht nur eine EHEC-Infektion. Bei ihr zeigen sich inzwischen auch die Symptome des hämolytisch-urämischen Syndroms (HUS). Die Nieren funktionieren nicht mehr richtig. Sie sieht an dem einen Tag alles doppelt, am nächsten stottert sie auf einmal, am dritten hat sie unkontrollierbare Zuckungen. Es ist schrecklich. Aber am schrecklichsten ist vielleicht, dass sie ihr kleines Töchterchen noch immer nicht gesehen hat. Nur zwei Bilder stehen an ihrem Bett. Die hat René unmittelbar nach der Geburt fotografiert.

Statt Klara Marie, die auf der Säuglingsstation der Lübecker Uniklinik versorgt wird, sieht Manuela jetzt jeden Tag die Blutwaschmaschinen der Uniklinik. Und die weiß gefüllten Plasmabeutel, mit deren Inhalt ihr EHEC-vergiftetes Blutplasma ersetzt wird. Sie kämpft einen ganz großen Kampf. Aber davon möchte sie hier gar nichts lesen.

Für Manuela W. ist nicht sie, sondern ihr Lebensgefährte René der große Held dieser Tage von Lübeck. Der tut und macht und kümmert sich, um seine Frau, um ihren Laden, um ihre kleine Tochter. "Er ist ein so toller Papa", dass sie ihm am liebsten ein Denkmal setzen möchte, jetzt, wo es endlich, Schrittchen für Schrittchen, vorangeht mit ihrer Gesundheit. Die neurologischen HUS-Symptome haben nachgelassen. Sie kann schon wieder aufstehen, ein wenig laufen mit dem Rollator. Und an diesem Donnerstag, als sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester über den Gang der Krankenstation geht, steht auf einmal René vor ihr. Mit dem Kinderwagen. An diesem Tag, Himmelfahrt, sieht Manuela W. ihre klitzekleine Klara Marie zum ersten Mal mit eigenen Augen.

Es mag an diesem wunderbaren Moment gelegen haben, dass die junge Frau am Tag darauf nicht im Mindesten so wirkt wie eine, um die es auch viel schlechter hätte stehen können. Die einen empfängt in ihrem kleinen Krankenzimmer im Zentralklinikum der Uniklinik, die lächelt und erzählt. Die ihre Ärzte lobt und das Krankenhaus und immer wieder ihren Mann. Die per Handy organisiert, dass er unbedingt dazukommt für dieses Zeitungsfoto. Für dieses erste Familienbild, das da gerade entsteht. Noch ein wenig auf Distanz wegen der Infektionsgefahr. Noch fehlt ein halber Meter bis zur ersten Umarmung, bis zum ersten Kuscheln mit Klara Marie. Aber lange kann es nun wirklich nicht mehr dauern bis zum endgültigen Happy End.

"Die Bewegungen in meinem Bauch wurden weniger und langsamer"

Manuela W., EHEC-Patientin und junge Mutter