Kommentar

Die tiefe Kraft des Miteinanders

Schon klar, die Welt geht unter. Griechenland braucht den nächsten Vorschuss, der nie zurückgezahlt wird. Die Designer-Bakterie EHEC bringt uns alle um. Und außerdem, das wusste schon Loriot, war früher mehr Lametta. Hoffnung? Nicht in Sicht. Außer in Dresden.

Tausende harrten nachts an der Elbe aus zum Abendsegen, Hunderttausende fluteten die Stadt, in über 2000 Veranstaltungen begegneten sich Menschen, die ihre gemeinsame Vision teilen: Es gibt ein besseres Morgen.

Vom 33. Evangelischen Kirchentag geht eine Kraft aus wie lange nicht mehr. Natürlich wird viel Seelenfolklore geboten, aber dennoch ist er mehr als ein Gutmenschen-Event. Denn in Dresden wird hart und anspruchsvoll debattiert, wie man sich das für Bundes- oder Parteitage mal wieder wünschen würde. Natürlich gerät das fünftägige Treffen auch zur Käßmann-Show mit acht großen Auftritten. Wo die Geistliche auftaucht, sind die Hallen zu klein. Ihre radikalpazifistischen Ratschläge für Afghanistan mögen naiv klingen, aber sie finden Anklang - und kompetente Entgegnung. Verteidigungsminister Thomas de Maizière hält auf ebenso stabilem Glaubensfundament mit realpolitischen Positionen dagegen. Und erklärt zugleich, dass man auch für Taliban beten könne. In Dresden wird einmal mehr klar, dass Kanzlerin Angela Merkel in der Union nur einen ernst zu nehmenden Nachfolger hat.

Auf dem Kirchentag ist beileibe nicht alles Friede, Freude, Knutscherei, so wie es früher häufiger lief. Im Gegenteil: Gerade in der dauerhaft heiklen Kriegsfrage erlebt das Land den vermutlich gehaltvollsten Meinungsaustausch seit Langem. Dass es keine allgemeingültige Antwort gibt, sondern ein dauerndes Abwägen, das nie frei ist von Schuld und Verantwortung - auch das ist ein Ergebnis, vermutlich das realitätstauglichste überhaupt. Schön auch, dass Bundespräsident Christian Wulff gar nicht erst den Ehrgeiz entwickelt, eine bedeutsame Rede zu halten, sondern nicht mehr, aber auch nicht weniger schafft, als einfach nur mittendrin zu sein. Man kann den Bescheidenheitsterror der Protestanten durchaus belächeln. Aber es gibt eine Reihe schlechterer Haltungen zum Leben.

Fernab des politischen Alltagsgedresches schafft Dresden Platz und Ruhe für Relevanz - und für Respekt für den Nächsten. Mögen die sonntäglichen Normalandachten oft unter Ausschluss der Bürger zelebriert werden - dieser Kirchentag beweist, wie stark die Deutschen nach Sinn, nach Orientierung, nach gern auch kontroversen Debatten dürsten. Und nach Brücken, die über klassische Gräben hinwegreichen. Ob der Kabarettist Eckhart von Hirschhausen auftritt, sein Kollege Bodo Wartke oder die Gebärdendolmetscherin Anja Hemmel, die das Konzert der Wise Guys zum Erstaunen von 30 000 Musikfans für Gehörlose übersetzt: Dieser Kirchentag wird getragen vom gemeinsamen Glauben an die Zukunft, ganz gleich, ob einer quasi heilig ist, Witze macht oder gestikuliert. Fünf Tage lang bekommen Worte Bedeutung, Veranstaltungen einen tieferen Sinn und das Miteinander eine Kraft, die jeden hebt, der dabei war. Mehr kann ein Christentreffen nicht leisten.