Forschung

Auf der Suche nach dem Ursprung des Bakteriums

Der Leiter der Agrar- und Veterinär-Akademie aus dem münsterländischen Horstmar macht gerade Kurzurlaub in Madrid. Angst vor spanischen Gurken hat Ernst-Günther Hellwig nicht. Im Urlaub fühlt sich Hellwig sogar sicherer als daheim. Denn der Tierarzt hält die EHEC-Epidemie für ein hausgemachtes, deutsches Problem.

"Es ist möglich, dass die EHEC-Erreger aus Biogasanlagen kommen", warnt Hellwig.

Die boomende Biogasbranche hat Hellwig schon länger im Blick. Dort hält man ihn für einen Querulanten, der sich ins Gespräch bringen will. Es gebe keinen "belegbaren Zusammenhang" zwischen der EHEC-Epidemie und dem Betrieb von Biogasanlagen, sagt der Geschäftsführer des Fachverbandes Biogas. Das stimmt. Belegbar ist bei der Recherche nach den wahren Ursachen der Seuche bisher wenig. Aber einen Verdacht gibt es schon - und der kommt nicht nur von Hellwig.

So hält es auch der bekannte Labormediziner Bernd Schottdorf, Gründer des mit 1500 Mitarbeitern größten privaten europäischen Medizinlabors Schottdorf MVZ in Augsburg, für möglich, was die Biogas-Lobby als Schnapsidee abtun möchte. Ein Zusammenhang zwischen dem Auftauchen des EHEC-Erregers und der immer größer werdenden Biogasanlagenproduktion in Deutschland sei keineswegs ausgeschlossen, sagt Schottdorf der Berliner Morgenpost. Denn in den Gärbehältern der Biogasanlagen entstünden Bakterien, die es zuvor noch nie gegeben hätte. "Sie kreuzen sich und verschmelzen miteinander - was da genau passiert, ist weitgehend unerforscht." Diese noch nie da gewesene Mischung aus Krankheitserregern werde dann auf die Äcker gebracht. Bis zu 80 Prozent des Gärsubstrats landen wieder als Düngemittel auf den Feldern. Schottdorf hält es "deshalb für dringend nötig, dass die Biogasanlagen in Deutschland schnell auf mögliche Krankheitserreger untersucht werden".

Biogasanlagen werden bisher vor allem mit der ökologisch korrekten Energiewende in Verbindung gebracht - doch das Prädikat "Bio" ist umstritten. Denn in viele Anlagen zur Gasproduktion wandert nicht nur Mais. Im Bio-Bottich landen auch Schlachtabfälle, Mist und Gülle. Damit deren gefährliche Keime abgetötet werden, ist laut EU-Richtlinien eine "Hygienisierung" für Biogasbetreiber vorgeschrieben. Etwaige Erreger, so der Fachverband Biogas, seien nach einstündiger Erhitzung des Gärsubstrats auf 70 Grad "mit Sicherheit inaktiviert".

Aber das wollen Profis wie Hellwig und Schottdorf nicht ohne Weiteres glauben. Auch dieses Gebiet sei nicht überschaubar und weitgehend unerforscht, warnt Schottdorf. "Sporen überleben die in Biogasanlagen vorgeschriebene Hygienisierung bis 70 Grad ohne Weiteres", sagt er. EHEC sei zwar kein Sporenbildner - "aber wir wissen nicht, ob die Hygienisierung in allen Biogasanlagen ordnungsgemäß durchgeführt wird". Wenn die Restgärmasse auf die Felder gebracht werde, so Hellwig, könne sie auch Gemüse verunreinigt haben - zumal es in Norddeutschland im Frühjahr wochenlang nicht geregnet habe. Das Substrat werde dann nicht von den Pflanzen abgewaschen.

Die Biogas-Lobby widerspricht solchen Theorien, spricht im Falle Hellwigs, der Biogasanlagen auch mit gefährlichen Krankheiten wie "chronischem Botulismus" in Verbindung bringt, gar von "populistischen Falschaussagen". Doch die Kontrolle der rund 6800 Biogasanlagen in Deutschland sei ein "Riesendilemma" heißt es in Fachkreisen in Berlin.

Die Schmutzwasser-Theorie

Der Gießener Veterinärwissenschaftler Georg Baljer hält die BiogasanlagenHypothese dagegen für wenig wahrscheinlich. Die lange Trockenheit im Frühjahr aber interessiert auch ihn bei der Ursachenforschung. Er hält es für möglich, dass in dieser Zeit fäkalverseuchtes Wasser auf die Felder gelangte. Verseuchtes Wasser sei auch die Ursache einer ähnlichen Epidemie in Schottland gewesen, die im Jahr 2000 grassierte, sagt Baljer. Auch andere Experten stützen den Wasserverdacht. Landwirte könnten ihren Gülletankwagen in der Trockenzeit mangels Alternative schnell zur Bewässerung genutzt haben - ohne ihn zuvor sorgfältig zu reinigen. Im Verdacht stünden hier eher kleinere Mischbetriebe, Großbetriebe nutzten eher Berieselungsanlagen.

Die Antibiotika-Theorie

Der Mikrobiologe Alexander Kekulé, Professor am Universitätsklinikum Halle, ist davon überzeugt, dass der neue, gefährliche EHEC-Erreger durch den unsachgemäßen Einsatz von Antibiotika gefördert worden ist - entweder in einem Krankenhaus oder bei der Viehzucht. "Durch den Einsatz von Antibiotika erzeugen wir bei den Bakterien einen starken Selektionsdruck und beschleunigen die Evolution der Keime. Die E.-coli-Keime können im Darm untereinander Gene austauschen. Und genau dies ist im aktuellen Fall auch geschehen. Dass ein solch aggressiver Keim auftreten würde, ist also keine Überraschung. "Davor haben Experten immer wieder gewarnt", sagt Kekulé. So könne es etwa sein, dass ein Patient in einem Krankenhaus unter einer Antibiotikatherapie den neuen Keim ausgebrütet hat. Wenn ein solcher Patient ein Bauer gewesen wäre, könnte er nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus seine Kühe infiziert haben. Ebenso denkbar ist es aber, dass die neue Kombination aus zwei Erregern sich im Darm eines Rindviehs ergeben hat - ebenfalls gefördert von Antibiotika.