Kommentar

Ein Medizin-Krimi mit offenem Ende

Eine mysteriöse Serie von Todesfällen ereignet sich dieser Tage in Deutschland - und ein Ende ist bislang nicht in Sicht. Mindestens 17 Tote sind bereits zu beklagen, und die Fahndung nach dem Täter läuft - zwei Wochen nach seinem ersten Wüten in Norddeutschland - noch immer sehr schleppend.

Zwar haben Biodetektive der Universitätsklinik Münster in der vergangenen Woche einen Steckbrief des unheimlichen Killers verfasst, in dem sie ein mikrobakterielles Wesen mit Namen EHEC-41 für die Todesfälle verantwortlich machten. EHEC-41, ein alter Bekannter, war von den Wissenschaftlern bereits vor vielen Jahren erkennungsdienstlich behandelt worden. Doch seitdem hatte sich dieser Keim nicht weiter auffällig verhalten. Infektionen konnten ihm nicht zur Last gelegt werden.

Jetzt aber soll er sich via Gurken, Tomaten oder Salatblättern in die Därme seiner Opfer geschlichen haben. Doch wie konnte er das schaffen, und wie könnte man ihn endlich wirksam daran hindern? Das Finden von Antworten auf diese brennenden Fragen ist durch die Erfolgsmeldung der Weltgesundheitsorganisation nicht einfacher geworden. Die Experten der WHO teilten am Donnerstag mit, dass das neue Bakterium entschlüsselt sei. Es handele sich bei dem derzeit in Deutschland grassierenden Erreger um einen bislang völlig unbekannten Keim, der irgendwie aus zwei verschiedenen EHEC-Erregern entstanden sein muss - diverse Mutationen inklusive. Wenn dies also richtig ist, dann wurde in Deutschland bislang ein Phantom gejagt. Das könnte durchaus erklären, warum trotz aller Fahndungsmaßnahmen und Schnelltests die Verbreitungswege und Quellen der tödlichen Bakterien noch immer nicht aufgeklärt werden konnten.

Wir tappen also nach wie vor im Dunkeln und spüren, welch leichtes Spiel der neue, tödliche Erreger hat. Solange es wahrscheinlich ist, dass dieser Killer aus einem unbekannten Versteck nach wie vor ungehindert agieren und weitere Opfer finden kann, bleibt die Prävention das oberste Gebot. Man muss es einfach immer wieder sagen: In der Küche gilt weiterhin, Hygienemaßnahmen strikt einzuhalten. Gemüse putzen und waschen ist vielleicht lästig, doch eine wichtige vorbeugende Maßnahme. Im Zweifel sollte dieser Tage Gemüse lieber gekocht als roh gegessen werden. Denn ganz gleich, wer genau der Erreger ist - kochen und braten dürfte er nicht überstehen. Ebenso wichtig ist es natürlich, dass Keime nicht über die Hände wieder mit Lebensmitteln in Kontakt kommen dürfen. Eine aktuelle Meinungsumfrage hat ergeben, dass sich aufgrund der EHEC-Fälle immerhin 27 Prozent der Deutschen öfter die Hände waschen. Diese Zahl ist noch steigerungsfähig.

Den Kommissaren der Wissenschaft bleibt indes die schwierige Aufgabe, den richtigen EHEC-Keim dingfest zu machen, seine Rückzugsgebiete und Verbreitungswege zu ermitteln, um ihn schließlich stoppen zu können. Noch ist das letzte Kapitel des EHEC-Krimis nicht geschrieben.

Wenn die akute Gefahr abgewendet ist, sollte die ganze Energie der Experten für die Klärung der Frage verwendet werden, was die Entstehung des neuen gefährlichen Erregers begünstigt hat. Sollten hier am Ende bestimmte Praktiken der modernen Landwirtschaft eine Mitschuld haben?