Grenzöffnung

Ägypten schenkt Gaza ein Stück Freiheit

Das große Tor öffnet sich. Ein ägyptischer Grenzpolizist in der typisch weißen Uniform schlägt die Hacken zusammen und salutiert. Zwei Krankenwagen kommen zuerst durch und danach vier Busse mit 240 Palästinensern. Es ist ein historischer Moment.

Nach vier Jahren Blockade hat Ägypten seine Grenze zum Gazastreifen wieder für den Personenverkehr geöffnet. Alle Einwände und Sorgen Israels halfen nichts. Der "arabische Frühling" änderte die Spielregeln. Die neue ägyptische Führung hörte auf Volkes Stimme. Und die war von Anfang an dagegen, dass der Gazastreifen abgeriegelt wird und die palästinensischen Brüder jenseits der Grenze leiden.

Gut in Erinnerung sind noch jene Bilder, als Hunderttausende Palästinenser im Januar 2008 die Grenze zu Ägypten stürmten. Dieses Mal behalten die Polizisten dies- und jenseits der Grenze die Kontrolle. "Alles ruhig und unkompliziert", sagt ein palästinensischer Beamter.

Neue Perspektiven

Einen Monat vor Beginn der Sommerferien bieten sich für die rund 1,6 Millionen Palästinenser im Gazastreifen völlig neue Perspektiven. Geschäftsleute können wieder reisen. Außerdem wird es einfacher, sich im Nachbarland Ägypten behandeln zu lassen; die medizinische Versorgung ist dort besser. Junge Palästinenser können im Ausland studieren und während der Semesterferien ihre Familie besuchen.

Nach zwei Stunden hätten am Sonnabend bereits 175 Personen die Grenze nach Ägypten überquert, sagte Hatem Awideh von der Grenzbehörde der Hamas. "Heute wird der Grundstein für eine neue Ära gelegt, der hoffentlich den Weg dafür bereiten wird, die Belagerung und Blockade des Gazastreifens zu beenden", sagte Awideh.

Dennoch ist die Grenzöffnung nach vier Jahren Blockade die große Freiheit nicht ausgebrochen. Alle Männer im Alter zwischen 18 und 40 Jahren müssen vor der Ausreise eine Sondergenehmigung der ägyptischen Sicherheitsbehörde einholen. Viele Palästinenser dieser Altersgruppe gehören militanten Gruppierungen an.

Israels Regierung ist über die ägyptische Entscheidung zwar wenig glücklich, hält sich aber mit lautstarker Kritik zurück. Vizeregierungschef Silwan Schalom sprach lediglich von einer "gefährlichen Entwicklung". Außer Rafah werden alle anderen Übergänge zum Gazastreifen von Israel kontrolliert, nur humanitäre Fälle dürfen durch. Israel ist besorgt, dass Terroristen jetzt bequem über den Landweg nach Gaza einreisen. Bislang mussten sie durch einen von Hunderten Schmugglertunneln krauchen. Hauptärgernis dürfte aber sein, dass Israel in der Außenwahrnehmung eine empfindliche Niederlage einstecken musste, während der Erzfeind Hamas einen Mini-Sieg verbuchte.

Denn nach vier Jahren Blockade ist die Grenze zu Ägypten wieder offen, obwohl die im Gazastreifen herrschende radikal-islamische Hamas weiter an der Macht ist. Ägypten und Israel hatten ihre Grenzen am 9. Juni 2007 geschlossen.