Kommentar

Hygiene statt Hysterie

Deutschland befindet sich im EHEC-Fieber. Von einer Epidemie wird da gesprochen, und sogar das düstere Wort Seuche findet sich in Schlagzeilen. Viele Menschen sind verunsichert und wagen es nicht mehr, Gemüse zu essen.

Es ist natürlich schrecklich, wenn Menschen nach dem Verzehr von vermeintlich Gesundem durch ein gefährliches Darmbakterium dahingerafft werden. Doch die Zahl der Todesopfer lässt sich (bislang) an den Fingern einer Hand abzählen. Die im vergangenen Jahr an EHEC verstorbenen Menschen erhielten weit weniger Aufmerksamkeit.

Als die Schweinegrippe über Deutschland hinwegzog und für zahlreiche Krankheitsfälle sorgte, war die Zahl der Todesopfer sehr viel höher als derzeit nach den EHEC-Infektionen. Gleichwohl hat man sich allgemein darauf geeinigt, das, was damals hierzulande in den Medien über die Schweinegrippe berichtet wurde, im Nachhinein als Hype zu brandmarken. Wenn das also ein Hype gewesen ist, was wird man dann in einigen Wochen rückblickend über EHEC sagen?

EHEC ist ein gefährlicher, aber lange bekannter Erreger. Er zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass er gegen die meisten Antibiotika resistent ist - so wie auch die sehr aggressiven Krankenhauskeime, die jährlich für rund 30 000 Todesfälle in deutschen Kliniken verantwortlich gemacht werden. Der Kampf gegen diese Keime verdiente in der Tat viel mehr Unterstützung und Aufmerksamkeit. Das tödliche Problem ist seit Jahren bekannt. Doch wo sind die stringenten Maßnahmen, mit denen man die Zahl der Todesopfer wirksam reduzieren könnte? Ein bisschen Hype wäre hier wohl kein Fehler.

Bei den Krankenhauskeimen - wie auch bei EHEC - gilt, dass kluge Hygienemaßnahmen schon einen Teil des Problems lösen könnten. Bei EHEC sind es tatsächlich die Grundregeln der Hygiene, die man eigentlich immer anwenden sollte - und nicht nur dann, wenn man gerade durch einen fiesen Erreger aufgeschreckt wird. Sich nach dem Gang auf die Toilette die Hände zu waschen sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Und dass Gemüse immer ausreichend geputzt und gewaschen werden sollte, gilt für Produkte aus konventionellem und biologischem Anbau gleichermaßen. Es können immer bakterielle Belastungen auftreten.

Selbst in ganz normaler Gartenerde können altbekannte Erreger lauern, an die viele Menschen gar nicht mehr denken. So ist der Boden vielerorts eine Wohnstätte für Tetanus-Erreger. Nun ist die Impfrate gegen Tetanus (Wundstarrkrampf) hierzulande erfreulich hoch, sodass an dieser Stelle keine allzu große Gefahr droht. Gleichwohl gerät immer mehr in Vergessenheit, dass ein ausreichender Impfschutz insbesondere gegen Tetanus ebenso eine Selbstverständlichkeit sein sollte wie eine Haftpflichtversicherung.

Wer sich in diesen Tagen an die grundlegenden Hygienevorschriften hält und beim Zubereiten von Gemüse an die überall nachzulesenden Empfehlungen, der kann gelassen mit dem kleinen Risiko einer möglichen EHEC-Infektion umgehen. Und wenn es einen - trotz aller Vorsichtsmaßnahmen - doch erwischen sollte, was sich niemals ganz ausschließen lässt, dann heißt es: Sofort bei den ersten Symptomen, die auf eine EHEC-Erkrankung hindeuten könnten, zum Arzt gehen. Rechtzeitig behandelt, ist die Gefahr beherrschbar.