Interview mit Jonathan Overfeld

"Das war Show, mehr nicht"

Er wurde bekannt als der "Mann ohne Gedächtnis": Jonathan Overfeld fand sich 2005 auf einer Hamburger Parkbank wieder, ohne zu wissen, wer er war. Overfeld wurde als Kind in einem Heim in Paderborn mindestens 100 Mal vergewaltigt und litt in Folge dessen jahrelang unter Gedächtnisverlust.

Er engagiert sich heute im "Verein ehemaliger Heimkinder" in Berlin. Nina Trentmann sprach mit ihm über den Abschlussbericht des Runden Tisches Heimkinder, der gestern in Berlin vorgestellt wurde.

Berliner Morgenpost: Herr Overfeld, wie bewerten Sie die Vorschläge des Runden Tisches?

Jonathan Overfeld: Ich bin fasziniert und wütend zugleich. In dem Abschlussbericht fehlen ganze Passagen, die in der ursprünglichen Version noch drin waren. Das Thema soll vom Tisch, das ist für mich die Botschaft. Das war Show, mehr nicht. Das sehen viele Betroffene so. Einige sind wahnsinnig wütend.

Berliner Morgenpost: Reichen Ihnen die 120 Millionen Euro nicht, die Bund, Länder und Kirchen dem Bericht zufolge zahlen sollen?

Jonathan Overfeld: Es geht nicht nur um Geld. Wir wollen eine ehrlich gemeinte Entschuldigung. Es muss eine Entschädigung geben, die sich an der Höhe dessen orientiert, was in Ländern wie Norwegen, Irland und Kanada gezahlt wurde. 50 000 Euro waren das im Schnitt pro Kopf. Die Taten lassen sich nicht wieder rückgängig machen, das stimmt. Aber mit Geld kann man diese kaputten Biografien in den letzten Lebensjahren ein wenig korrigieren.

Berliner Morgenpost: Was meinen Sie damit?

Jonathan Overfeld: Wir müssen den Opfern helfen, die körperlich und psychisch am Ende sind. Mir geht es vergleichsweise gut, ich hatte eine Therapie und einen Betreuer, was mir sehr geholfen hat. Bei vielen Betroffenen ist das anders. Die haben jahrzehntelang geschwiegen. Solche Therapien kosten viel Geld. Ich müsste eine machen, damit ich wieder Klavier spielen kann: Jedes Mal, wenn ich mich alleine ans Klavier setze, passiert irgendetwas mit mir und ich komme in einer anderen Stadt wieder zu mir, ohne, dass ich weiß, wie ich dahin gekommen bin. So eine Therapie bekommen Sie nicht für ein paar tausend Euro.

Berliner Morgenpost: Machen Sie weiter, jetzt, wo der Abschlussbericht steht?

Jonathan Overfeld: Natürlich. Wir warten ab, was die Bundesregierung und der Bundestag machen, noch sind das ja nur Empfehlungen. Wir haben ungefähr 1000 Klagen vorbereitet. Irgendwann wird ein Gericht anerkennen müssen, dass das, was wir erlebt haben, Menschenrechtsverletzungen, Zwangsarbeit und systematisches Unrecht waren. Und dass in einem Rechtsstaat! Bis das Geld fließt, wird noch jahrelang diskutiert. Dabei sterben die Betroffenen jetzt schon.

Berliner Morgenpost: Glauben Sie, dass Ihnen Genugtuung widerfährt?

Jonathan Overfeld: Ich glaube daran, dass es Gerechtigkeit gibt, ja. Der Pater, der mich missbraucht hat, wurde in den 90er-Jahren mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Ich will, dass ihm das aberkannt wird - auch, wenn ich noch hundert Anträge stellen muss. Ich könnte theoretisch auch noch klagen. Wegen meines Gedächtnisverlusts verjähren die Taten in meinem Fall erst in zwölf Jahren. Ich weiß noch nicht, ob ich mir das antue. Wenn ich anderen Betroffenen helfe, ist das auch Genugtuung für mich.