Selbstmordattentat

Der Terror trifft Marokko

Der Dschamaa al-Fna in Marrakesch, der "Perle des Südens", gehört zum Pflichtprogramm eines jeden Marokko-Reisenden. Reges Treiben den ganzen Tag: Schlangenbeschwörer, Geschichtenerzähler, Tanzäffchen, Wasserträger und Couscous-Garküchen.

Ein Festival für Augen, Ohren und Gaumen, denn natürlich bieten der angrenzende Basar und die den Platz umringenden Dachcafés alle Genüsse des Maghreb, des islamischen Westens. Ausgerechnet dieser "Platz der Gaukler" in der Stadt am Fuße des Hohen Atlas, die neben Meknès, Fès und Rabat zu den Königsstädten Marokkos zählt, ist jetzt Tatort eines Anschlags geworden.

Die Behörden gehen nach Auswertung der ersten Beweismittel vom Tatort von einem Terroranschlag aus. Mindestens 14 Menschen kamen ums Leben, elf von ihnen Touristen. Etwa 20 Menschen wurden verletzt.

Die Detonation ereignete sich in dem beliebten Café "Argana" auf dem Dschamaa al-Fna. Sie war so gewaltig, dass sie noch in zwei Kilometer Entfernung zu hören war, berichteten Augenzeugen. Das Restaurant und Kaffeehaus ist ein Touristenmagnet in Marokkos malerischer Wüstenstadt. Das stets gut besuchte "Argana" am Rand der Altstadt ist auf ein internationales Massenpublikum ausgerichtet. Es passt traditionelle nordafrikanische Küche an den Geschmack der Urlauber aus aller Welt an.

"Der Mann, der zu viel wusste"

Von der Restaurantterrasse bietet sich ein spektakulärer Blick über den Hauptplatz am Basarviertel. Das von historischen Bauten umgebene Gelände ist als Unesco-Welterbe geschützt. Auf diesem Platz wurden 1956 Teile des Hitchcock-Klassikers "Der Mann, der zu viel wusste" gedreht. Der Platz war damals die orientalische Kulisse für Doris Day und James Stewart, die als amerikanisches Touristenehepaar in eine Mord- und Spionagegeschichte verstrickt wurden. Auch beim Film "Sex and the City 2" mit Sarah Jessica Parker diente das Markttreiben als Schauplatz. Augenzeugen berichteten jetzt von chaotischen Szenen.

"Es gab einen riesigen Knall, es stieg viel Rauch auf, und es regnete Trümmer. Hunderte Menschen rannten in Panik umher, einige hin zum Café, andere weg vom Platz. Die gesamte Fassade des Cafés wurde weggesprengt", sagte der Londoner Andy Birnie. Er verbringt seine Flitterwochen in Marrakesch. "Es war Mittagszeit, deshalb war viel los auf dem Platz", sagte er. "Wir haben den Platz gerade betreten, waren aber durch Stände abgeschirmt. Einheimische sagten uns, dass Gasflaschen explodiert seien."

Auch der 34-jährige Portugiese Alexandre Carvalho wurde Zeuge der Explosion. "Ich bin gerade auf dem Platz angekommen, dort, wo die meisten Cafés sind. Plötzlich hörte ich diese schwere Explosion", sagte er. Er habe mit dem Rücken zu ihr gestanden. "Ich habe mich umgedreht, um sie zu sehen. Mindestens zehn Menschen wurden verletzt", sagte er. Menschen mit Feuerlöschern seien zum Café gerannt. Einige Personen seien weggetragen worden. Ihrer Kleidung nach seien die meisten Verletzten Touristen gewesen, sagte Carvalho.

Zehntausende Demonstranten

Marokko blieb von den jüngsten Entwicklungen im gesamten arabisch-islamischen Raum nicht unbeeindruckt. Woche für Woche demonstrieren Zehntausende auf den marokkanischen Straßen für Reformen, für eine neue Verfassung, für mehr politische Mitbestimmung. Besonders die im Königreich verbotenen Islamisten nutzen den nationalen Unmut, um für ihre antimonarchistische Agenda zu werben.

Doch die Proteste richten sich kaum gegen König Mohammed VI., der in der Bevölkerung beliebt ist und verehrt wird. Als direkter Nachkomme des Propheten Mohammed genießt der "Führer aller Gläubigen" hohe Anerkennung. Im Juni will der Monarch per Referendum über eine reformierte Verfassung abstimmen lassen. Es scheint, als wollten extremistische Kräfte in seinem Reich darauf nicht mehr warten. Verantwortlich für die Tat soll die mit dem Terrornetzwerk al-Qaida verbündete Marokkanische Gruppe Islamischer Kämpfer (GICM) gewesen sein.