Doktorarbeit

"Das ist eine unglaubliche Schlamperei"

Zwei Wochen dauerte es - und schon hat die Internetgemeinde eine überaus umfangreiche Studie zu den Plagiatsvorwürfen gegen Silvana Koch-Mehrin (FDP) erstellt. In der 63 Seiten umfassenden Expertise werden der liberalen Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments diverse Plagiate nachgewiesen.

In Koch-Mehrins Doktorarbeit "wurden in erheblichem Ausmaß fremde Quellen verwendet, die nicht oder nicht hinreichend als Zitat gekennzeichnet wurden", konstatiert Vroniplag in dem eigenen Bericht. Dies stelle "eine eklatante Verletzung wissenschaftlicher Standards dar". Die Plagiate seien "kein Versehen", sondern vielmehr "bewusst getätigt". Koch-Mehrin will sich zu den Vorwürfen bislang nicht äußern.

Anonyme, nicht unumstrittene Internetnutzer untersuchen immer mehr wissenschaftliche Arbeiten. Beim früheren Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) war es GuttenPlag Wiki, bei Edmund Stoibers Tochter Veronica Saß und Koch-Mehrin eben VroniPlag. Gleich in fünf Kategorien präsentieren die Initiatoren der Internetplattform die Plagiate der Liberalen. Dabei handelt es sich um: Komplettplagiate, Verschleierungen, Bauernopfer, verschärfte Bauernopfer und Übersetzungsplagiate. Auf 56 von 201 Textseiten fanden sich bislang Plagiate: eine Quote von 27,9 Prozent. Dokumentiert sind bisher "Textübernahmen aus insgesamt 15 verschiedenen Quellen".

Der Anteil von 56 Seiten ist bemerkenswert, hatte doch Koch-Mehrin ihre Dissertation (Thema "Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik") bereits vor elf Jahren eingereicht - zu einer Zeit also, in der das wissenschaftliche Arbeiten mithilfe des Internets noch nicht verbreitet war. So kopierte sie nicht Texte aus dem Internet. Sie schrieb vielmehr aus Standardwerken ab. Recht freigiebig plünderte die FDP-Politikerin etwa ein Werk des Historikers Lothar Gall. Gall aber sieht den Fall weniger dramatisch. Er zeigt sich geradezu generös, wenn er sagt: "Frau Koch-Mehrin hat aus einem Handbuch kopiert, ohne dies kenntlich zu machen. Ich betrachte diesen Fall bislang als nicht so schwerwiegend." Anders als bei zu Guttenberg handele es sich "nicht um ein schwerwiegendes Plagiat", sagte Gall der Berliner Morgenpost.

Immer wieder verweist die Internetgemeinde in ihrem Zwischenbericht auf "Verschleierungen". Dabei handelt es sich um abgeschriebene Passagen, die Koch-Mehrin (minimal) variiert hat. So machte sie aus der Formulierung "bis im Jahre 1870" die Konstruktion "bis 1870". Inhaltlich aber übernahm sie die Quellen uneingeschränkt. Der Medienwissenschaftler Stefan Weber sagte der Berliner Morgenpost: "Frau Koch-Mehrins Arbeit beruht auf einer unglaublichen Schlamperei. Die 56 Seiten, auf denen plagiiert wurde, sind eine Wucht." Die Universität Heidelberg will die Prüfung der Plagiatsvorwürfe bis Ende Mai abschließen.