Deutschlands vergessene Soldaten

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Müller

Manchmal reicht eine Bewegung, ein Duft oder ein Geräusch, und der Krieg bricht wieder aus.

Berlin - Manchmal reicht eine Bewegung, ein Duft oder ein Geräusch, und der Krieg bricht wieder aus. So geübt, wie er früher seine Waffe zusammenschraubte, befestigt Tino Käßner nun die Prothese an seinem Oberschenkel. Dann steht er auf und holt Fotos. Das erste Bild zeigt, wie er auf einem Rennrad für die Paralympics trainiert. Andere Bilder zeigen seine Hochzeit. Der gelernte Gas-Wasser-Installateur ist kein Mann großer Worte. Daher muss sie schon etwas sehr Besonderes gewesen sein, die Trauung wenige Monate nachdem er bei einem Angriff in Afghanistan seinen Unterschenkel verloren hatte. "Als wir Walzer tanzten, das war ein bewegender Moment."

Stephan Müller schlendert mit seiner Freundin über den Christkindlmarkt in Augsburg, als er merkt, dass er nach seiner Rückkehr aus Afghanistan dem süßen Frieden in der Heimat nicht gewachsen ist. An einem Stand, an dem Maronen geröstet werden, fängt der hochgewachsene Schwabe am ganzen Körper zu schwitzen an. "Für mich roch das wie verbranntes Menschenfleisch."

Auch Frank Dornseifs Krieg geht weiter. Hört er Lärm, bricht er in Schweiß aus. Dann denkt er, Blut fließe wieder über sein Gesicht. Nachts versucht er meist vergeblich zu schlafen und streift unruhig durch sein Haus, eine umgebaute, in freundlichen Farben gehaltene Scheune im Hessischen Bergland. Tagsüber schluckt er Psychopharmaka, um ruhig zu werden.

Neuer Name für altes Leiden

Drei Menschen, die eines gemeinsam haben - sie zogen in einen Krieg, aus dem sie nicht unversehrt zurückkehrten. Ein Anschlag, ein bestimmtes Datum, eine bestimmte Stunde veränderten ihr Leben für immer. Die Bilder ausgebrannter Autos oder Hubschrauber, die in fernen Ländern abstürzen, kennt jeder aus dem Fernsehen - diese drei Männer saßen drin. Inzwischen gibt es auch einen Fachausdruck für die seelischen Kollateralschäden, die die Soldaten von den Kriegen und Krisen mit in die Heimat bringen - Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Früher hieß das Leiden, das Frank Dornseif zur Verzweiflung und aus seinem Beruf trieb, Kriegszittern. Im Ersten Weltkrieg war das ein Massenphänomen. Heute sprechen die Ärzte vom Posttraumatischen Belastungssyndrom (PTBS). Vereinfacht gesagt reagieren Menschen damit auf Erfahrungen, denen sie nicht gewachsen sind. PTBS ist die normale Reaktion auf unnormale Ereignisse. Wie viele deutsche Soldaten daran leiden, ist unklar. 1550 Soldaten wurden nach Auslandseinsätzen wegen psychischer Störungen behandelt, 640 von ihnen wegen PTBS. In den letzten Jahren hat sich die Zahl verdreifacht. So weit die Zahlen aus dem Verteidigungsministerium.

Doch die Dunkelziffer ist hoch. "Die Leute, die wir haben, sind nur die Spitze des Eisbergs", sagt Oberstarzt Karl-Heinz Biesold. Der Leitende Arzt der Abteilung Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie am Hamburger Bundeswehrkrankenhaus war unter den Ersten, die PTBS auf den Behandlungsplan in der Armee setzten. Mitte der 90er-Jahre war das, die ersten Soldaten kehrten gerade von den Einsätzen auf dem Balkan zurück. Minenopfer und Massengräber, damit hatten sich deutsche Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg nicht auseinandersetzen müssen.

Angst, als Versager dazustehen

Doch Sorge um die Karriere, Scham vor den Kameraden und auch Angst, sich selbst eingestehen zu müssen, dass man Hilfe braucht - all das steht dem Gang zum Psychologen im Weg. Biesold zitiert amerikanische Studien, nach denen 15 bis 17 Prozent der eingesetzten Soldaten schwere psychische Schäden davontragen, und Statistiken, die belegen, dass ein Viertel aller amerikanischen Obdachlosen Vietnamveteranen sind. "Soldaten üben einen männlichen Beruf aus, sie sehen sich selbst als stark, als Helden. Einer, den nachts Albträume plagen, der fällt aus diesem Bild."

Irgendwann war Stephan Müller das alles egal. Er suchte Hilfe und fand sie bei Biesold. Er hatte kein Bein verloren, kam körperlich unversehrt aus Afghanistan zurück. Und doch schien es eine Zeit lang so, als hätte Müller den Einsatz weniger unbeschadet überstanden als Tino Käßner. Wie der Personenschützer ist auch Stephan Müller kein gewöhnlicher Soldat, lassen sich auch seine Probleme nach der Rückkehr aus Afghanistan nicht auf das Gros der Truppe übertragen.

Abschiedsbrief im Pistolenlauf

Nach seiner Rückkehr war Müller gereizt, schlug im Schlaf um sich. Bilder bedrängen ihn, böse Träume. Einmal, als er in Afghanistan beinahe mit einem Hubschrauber abstürzte, hatte er in Todesangst einen Abschiedsbrief für seine Freundin in den Lauf seiner Pistole gestopft. Umschlossen von Metall, würde das Papier nicht verbrennen. Wenn er dagegen davon träumt, findet und findet er keinen sicheren Platz für seine letzten Worte. Und schreckt auf. "Es ist schwierig, sich einzugestehen: Dem warst du nicht gewachsen", sagt er heute offen.

Nachts rechnete Stephan Müller nach, wie viele Verletzte in seinen Armen gestorben sind. In der Therapie lernte er zu zählen, wie viele nur durch seine Hilfe überlebt haben. Wie verschüttete Bergleute nach dem Grubenunglück erneut in den Stollen einfahren, sollen traumatisierte Soldaten wieder fit für den Einsatz gemacht werden. Bei Frank Dornseif hat das nicht funktioniert. Er ist aus der Bundeswehr ausgeschieden. Müller hingegen fliegt im Frühjahr wieder in den Einsatz nach Afghanistan und plant für die Zeit danach: Mit seiner Freundin will nach Südamerika.

Tino Käßner will Profi-Radfahrer werden - Zukunftsplanung und Vergangenheitsbewältigung in einem. Einen Freund, der ihn besucht, entlässt Käßner mit den Worten: "Trainier schon mal schön. Kommendes Jahr gehen wir wieder Rad fahren." Der 32-Jährige hat seinen Unterschenkel verloren, aber sonst Glück gehabt. Freunde haben ihm geholfen, auch seine Frau hat zu ihm gestanden. Die Pension wurde schnell bewilligt.

Das ist nicht immer so. Seit er aus Kabul zurück ist, machen übereifrige Beamte Frank Dornseif das Leben schwer. Zwei Jahre nachdem er in Afghanistan fast gestorben wäre, hatte er immer noch nicht die Bescheinigung in der Hand, dass es sich dabei um einen sogenannten Einsatzunfall gehandelt hatte. In den USA hätte er einen Orden bekommen, in Deutschland kämpfte er um die Höhe seiner Rente. Doch auch wenn die Abzahlung für den Umbau der Scheune drückt, geht es Dornseif nicht nur ums Geld. Er will einen Schlussstrich unter das Kapitel Bundeswehr ziehen und ein neues Leben beginnen.