Interview

"Ich will hier niemanden bevormunden"

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Die neue Bundesfamilienministerin will das geplante Betreuungsgeld zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit machen. Dorothea Siems und Robin Alexander sprachen mit der 32-jährigen CDU-Politikerin.

Berliner Morgenpost: Frau Köhler, Sie sind 32 Jahre jung, kinderlos - was befähigt Sie, das Bundesfamilienministerium zu führen?

Kristina Köhler: Das mit den 32 Jahren, das wird sich ja ändern. Ich bin jetzt Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend - und Sie werden schwerlich jemanden finden, der all diese Bereiche in einer Person vereinigt. Ich habe mich im Studium und auch in meiner bisherigen Funktion im Innenausschuss intensiv mit gesellschaftspolitischen Fragen beschäftigt, daran knüpft mein jetziges Amt gut an.

Berliner Morgenpost: Seit Wochen streitet die Koalition über das Betreuungsgeld. Sollen die Eltern die 150 Euro im Monat als Bargeldleistung bekommen?

Kristina Köhler: In dieser Debatte werden zwei unterschiedliche Fragen miteinander vermischt. Zum einen geht es darum, wie wir junge Väter und Mütter unterstützen können, die sich in den ersten Jahren nach der Geburt eines Kindes zu Hause in Vollzeit der Erziehung widmen. Das ist mir ein sehr wichtiges Anliegen, denn diese Eltern wollen ganz bewusst keinen Krippenplatz in Anspruch nehmen. Das zweite wichtige Anliegen ist es, dafür zu sorgen, dass Kinder, die von einem Krippenbesuch profitieren würden, etwa weil sie Probleme in der Sprachentwicklung haben, diese Förderung möglichst früh erhalten. Das ist ein Zielkonflikt. Deshalb ist es gut, dass uns der Koalitionsvertrag bis 2013 Zeit gibt, eine Lösung zu finden.

Berliner Morgenpost: Beim Betreuungsgeld geht es um Ein- und Zweijährige. Viele sprechen in dem Alter noch kaum. Ist das dann ein Indiz dafür, dass sie besser in die Krippe sollten?

Kristina Köhler: Nein. Es ist nicht Aufgabe des Staates, den Familien vorzuschreiben, wie sie die Betreuung ihrer Kinder organisieren sollen. Das fände ich zutiefst anmaßend. Auch ich würde mich beleidigt fühlen, wenn der Staat mich in irgendeiner Weise versucht zu drängen. Aber natürlich gibt es Familien, wo die Kinder in den ersten drei Jahren von einer Kindertagesstätte wirklich profitieren. Wir müssen sehen, wie viele Familien dies sind und welche Art der Unterstützung sie brauchen. Hier muss der Staat Anreize setzen, damit diese Familien das Angebot bekommen, das sie benötigen.

Berliner Morgenpost: Kritiker des Betreuungsgeldes warnen, dass das Betreuungsgeld von sozial schwachen Eltern für Alkohol und Flachbildschirme verwandt wird - Sie auch?

Kristina Köhler: Ich kann das nicht für jeden Einzelfall ausschließen. Doch eines ist mir ganz wichtig: Wir dürfen die Eltern nicht unter Generalverdacht stellen. Die allermeisten Väter und Mütter kümmern sich liebevoll um ihre Kinder. Das gilt auch für Hartz-IV-Empfänger.

Berliner Morgenpost: Ist aber das einjährige Kind einer nicht Deutsch sprechenden, Kopftuch tragenden Muslimin nicht in der Krippe besser aufgehoben?

Kristina Köhler: Nicht alles ist eine Frage des Kopftuches. Natürlich gibt es in vielen Migrantenfamilien Fälle, in denen Kinder nicht immer, aber oft von einer Krippe profitieren würden. Aber auch hier wäre es falsch, pauschal die Eltern in eine bestimmte Richtung drängen zu wollen. Ich will hier niemanden bevormunden.

Berliner Morgenpost: Sie wollen die Väter stärken?

Kristina Köhler: Mir ist die Debatte um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu einseitig auf Mütter fokussiert. Dabei fällt es auch Männern oft schwer, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Wenn es um flexiblere Arbeitszeiten geht oder mehr Rücksicht auf familiäre Verpflichtungen, haben es Väter in den Unternehmen oft sogar schwerer als Mütter. Viele trauen sich doch gar nicht, in ihrer Firma zu bitten, ein Meeting nicht in den Abend zu legen. Und das, obwohl viele Väter gerne mehr Zeit mit ihren Kleinen verbringen würden. Das zeigt die immer weiter steigende Zahl der Väter, die die Partnermonate beim Elterngeld in Anspruch nehmen.

Berliner Morgenpost: Bislang nehmen die meisten Väter aber nur zwei Monate Elternzeit, die Mütter ein ganzes Jahr. Wollen Sie die Partnermonate ausweiten?

Kristina Köhler: Wir denken darüber nach, die Partnermonate auszudehnen. Dabei ist aber noch offen, ob der Gesamtzeitraum von derzeit 14 Monaten ausgeweitet oder innerhalb des bisherigen Zeitraums der Anteil der Partnermonate größer werden soll.

Berliner Morgenpost: Kommt der neue, häusliche Vätertyp eigentlich gut bei den Frauen an?

Kristina Köhler: Ich glaube, es braucht eine gewisse kritische Masse von Vätern, die eine Zeit lang zu Hause bleiben. Dann wird sich auch gesellschaftliches Denken ändern: Es hat ja jetzt schon nichts Orchideenhaftes mehr, sich als Mann um seine Kinder zu kümmern. Im Gegenteil, es liegt im Trend. In Großkanzleien fangen doch sogar schon die Partner an, Vätermonate zu nehmen. Und die stehen garantiert nicht unter dem Verdacht, Softies zu sein.

Berliner Morgenpost: Wird das Elterngeld eines Tages zu mehr Geburten führen?

Kristina Köhler: Als Soziologin sage ich: Im Moment kann man noch keine Aussage darüber treffen, wie sich das Elterngeld auf die Entwicklung der Geburten auswirkt. Das ist ein Langzeitprojekt. Klar ist aber auch: Das Elterngeld hat den Rahmen dafür geschaffen, dass heute so viele Väter Zeit für ihre Kinder einfordern.

Berliner Morgenpost: Viele Homosexuelle möchten gern Kinder adoptieren.

Kristina Köhler: Beim Adoptionsrecht steht ausschließlich das Kindeswohl im Zentrum. Deshalb haben wir die Stiefkindadoption durch Homosexuelle zugelassen, weil diese Kinder ohnehin schon bei homosexuellen Paaren leben und es dann aus der Sicht des Kindeswohls zu begrüßen ist, wenn der andere Partner Verantwortung übernehmen will. Bei der Frage des generellen Adoptionsrechtes für Homosexuelle stellt sich die entwicklungspsychologische Frage, inwiefern das Fehlen von Verschiedengeschlechtlichkeit einen Mangel für Kinder darstellt.

Berliner Morgenpost: Das Verfassungsgericht fordert, das Ehegattensplitting auch gleichgeschlechtlichen Partner zuzustehen.

Kristina Köhler: Auch in homosexuellen Lebensgemeinschaften werden Werte gelebt, oft sehr konservative. Ich finde gut, wenn Menschen eine Partnerschaft eingehen, um lebenslang füreinander Verantwortung zu übernehmen. Das sollte der Staat fördern. Eine völlige Gleichstellung mit der Ehe lehne ich jedoch ab. Denn ein prinzipieller Unterschied bleibt: Aus einer Ehe können Kinder hervorgehen - aus einer gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft nicht.

Berliner Morgenpost: Ihr Haus hat jetzt ein neues Referat zur Jungen-Förderung. Warum?

Kristina Köhler: Aus vielen Untersuchungen wissen wir: Jungen bekommen schlechtere Noten, gehen öfter auf Hauptschulen, brechen eher die Schule ab. Das hat auch etwas damit zu tun, dass es in Kitas und Grundschulen kaum männliche Erzieher und Lehrer gibt. Das ist problematisch, weil es so viele Kinder gibt, die ohne Vater aufwachsen. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir es schaffen, dass mehr Männer diese Berufe ergreifen. Auch bei der Grundschulpädagogik müssen wir schauen, ob sie nicht zu sehr auf Mädchen ausgerichtet ist. Werden vielleicht zu viele Schmetterlinge gemalt und zu wenige Ritterburgen?

Berliner Morgenpost: Hat sich Ihr Haus nicht zum Gender Mainstreaming verpflichtet, das vorsieht, Mädchen und Jungen gleichermaßen zum Malen von Ritterburgen und Schmetterlingen zu erziehen?

Kristina Köhler: Es ist nicht Aufgabe des Staates zu versuchen, Kinder zu einem bestimmten Verhalten zu drängen. Nur ein Beispiel: Der Staat sollte alles tun, um der jungen Frau, die Elektrotechnik studieren möchte, alle Hürden aus dem Weg zu räumen. Aber der Staat sollte nicht zwanghaft versuchen zu erreichen, dass 50 Prozent der Elektrotechnikstudenten weiblich sind.