Die Linke

Die Partei pöbelt und brüllt

Die Rücktrittsforderungen kamen prompt. "Wer sich anmaßt, der Parteispitze unverschämte Anweisungen erteilen zu können, wann und wozu sie sich äußert, hat sich für Führungsaufgaben vollständig disqualifiziert", wetterte die Linke-Bundestagsabgeordnete und Vizeparteichefin Sahra Wagenknecht.

"Ich glaube, er sollte ernsthaft darüber nachdenken, auch die Konsequenzen zu ziehen", sagte auch Bundesgeschäftsführer Werner Dreibus. Gemeint ist der Schatzmeister der Linken, Raju Sharma. Der zum Reformerflügel zählende Hamburger hatte gegen Parteichef Klaus Ernst regelrecht gepöbelt. Dieser solle sich "konkret äußern oder die Klappe halten". Ernst hatte daraufhin gesagt, man werde die innerparteilichen Attacken gegen die Führung nicht länger hinnehmen.

Wie blank die Nerven bei der Linken derzeit liegen, zeigt der parteiinterne Umgang miteinander. Da warnt Fraktionschef Gregor Gysi einige der Revolte Verdächtige per SMS und in scharfem Ton vor "Denunziantentum". Da schreien sich die beiden Bundestagsabgeordneten Dieter Dehm und Steffen Bockhahn vor versammelter Fraktion an, weil sich bei der Aufstellung der Landesliste für die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern die Reformer in Kampfabstimmungen gegen Vertreter der Antikapitalistischen Linken durchgesetzt haben. Da bürstet Parteichef Ernst in einer Fraktionsvorstandsklausur jene rüde ab, die eine Strategiedebatte fordern.

Die Linke steckt in einer ihrer größten Krisen seit der Parteigründung im Jahr 2007: Die verpatzten Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sind dabei nur der Auslöser. Zu schaffen macht der Linken das Führungsvakuum, das seit dem Abgang der beiden Parteichefs Oskar Lafontaine und Lothar Bisky herrscht.

Sauer ist man auf Gysi

Das von Lafontaine und Gysi ausgewählte Nachfolgerduo Klaus Ernst und Gesine Lötzsch hat sich bis heute nicht als Machtzentrum etablieren können. So brechen bei jedem Anlass die Flügelkämpfe wieder aus. Vertreter des radikalen Flügels werfen den überwiegend ostdeutschen Reformern vor, permanent die Führung zu torpedieren. Die Reformer wiederum halten den Radikalen einen falschen Kurs und Unbelehrbarkeit vor. Während einige die Fixierung auf Hartz IV und eine Anti-Kriegs-Polemik für zu einseitig halten, fürchten andere, eine breitere Themenaufstellung könne das Profil der Linken verwässern. Nicht einmal über den politischen Hauptfeind ist man sich einig: Für Lafontaine und seine Anhänger ist es Rot-Grün, für Gysi und andere eher FDP und CDU.

Besonders sauer ist man im Lager der Reformer allerdings auf Fraktionschef Gysi. Der hatte sich nach den verlorenen Landtagswahlen mehrfach Führungsquerelen verbeten. Umso überraschter waren die Reformer, dass Gysi nur Tage später selbst den Führungsstreit befeuerte. Er hatte erklärt, Lafontaine schließe eine Rückkehr "für Notsituationen" nicht aus. "Das war für die Parteiführung eine Beerdigung dritter Klasse", lästert einer aus dem Reformerlager.

Dass die Umfragewerte der Partei nach Gysis Äußerung anstiegen, feiern die Gegner der Reformer als "Lafontaine-Effekt" - und damit als Beleg, dass seine Rückkehr den Linken nur guttäte. Doch der Ex-Vorsitzende zögert noch, will sich nicht äußern.

Offiziell soll erst im Mai 2012 über eine neue Parteispitze entschieden werden. Ob sich die jetzige Führung bis dahin halten kann, wird auch vom Ergebnis der nächsten Landtagswahlen abhängen. In Bremen zog die Linke 2007 in die Bürgerschaft ein, will nun ihren Platz dort verteidigen. In Mecklenburg-Vorpommern hofft sie auf ein rot-rotes Bündnis. Derzeit regiert dort Rot-Schwarz. In Berlin ist die PDS (und später dann die Linke) seit 2002 Koalitionspartner der SPD. Doch nun droht ihr, dass sie gegen die Grünen ausgetauscht wird - wenn diese nicht gar die Wahl gewinnen.

Die Berliner Genossen hatten die Führungskritiker in der Partei deshalb auch gebeten, bis zur Wahl stillzuhalten. Kaum jemand hält sich daran. Vergangene Woche platzte dem Landesvorsitzenden der sachsen-anhaltischen Linken, Matthias Höhn, der Kragen. "Wenn ein kooperativer Stil nicht mehr gewünscht wird, dann werde ich meine Konsequenzen daraus ziehen", sagte Höhn. Zuvor hatte der Parteibildungsbeauftragte Ulrich Maurer den sächsischen Landeschef Rico Gebhardt attackiert. Dieser hatte eine Rückkehr Lafontaines öffentlich abgelehnt - wie fast alle ostdeutschen Spitzenpolitiker der Linken. "Ich halte eine Rückkehr Lafontaines bei all seinen Verdiensten deshalb für falsch, weil es ein Armutszeugnis für die Partei wäre, auf einen 67-Jährigen als Vorsitzenden zurückgreifen zu müssen", sagt auch der Berliner Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich, der einst die Berliner Linke anführte. Doch gebe es eine "große Unzufriedenheit mit dem gesamten Führungspersonalmodell", sagt Liebich: "Es hat einfach nicht funktioniert."