Präimplantationsdiagnostik

Große Gewissensfrage im Bundestag

Keine leichtes Thema: An diesem Donnerstag kommen die Abgeordneten des Bundestags zusammen, um in erster Lesung über die umstrittene Präimplantationsdiagnostik (PID) zu beraten. Das Parlament soll einen einheitlichen Umgang mit diesen Gentests an künstlich erzeugten Embryonen festlegen.

Hierfür liegen drei fraktionsübergreifende Gesetzentwürfe vor, die von einem kompletten Verbot der PID über ein Verbot mit Ausnahmen bis zu einer Zulassung mit strengen Auflagen reichen. Die sonst übliche Fraktionsdisziplin ist in der moralisch und juristisch höchst umstrittenen Frage aufgehoben. Denn bei der PID werden Embryonen, die durch künstliche Befruchtung entstanden sind, vor der Einpflanzung in die Gebärmutter auf etwaige Krankheiten untersucht und eventuell verworfen.

Eine Regelung war notwendig geworden, nachdem der Bundesgerichtshof im vergangenen Jahr einen Arzt freisprach, der die PID angewandt hatte. Der Antrag der fraktionsübergreifenden Gruppe um Peter Hintze (CDU), Ulrike Flach (FDP) und Carola Reimann (SPD) sieht eine begrenzte Zulassung der PID dann vor, wenn Eltern die Veranlagung zu einer schwerwiegenden Erbkrankheit haben oder eine Tot- oder Fehlgeburt droht. Der Antrag der PID-Gegner um Unionsfraktionsvize Johannes Singhammer (CSU), Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) und SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles wendet sich gegen eine "Selektion menschlichen Lebens" allein aufgrund einer schweren Erkrankung oder Behinderung.

Sollte der eine oder andere Abgeordnete sich eine Hilfestellung vom Deutschen Ethikrat erhofft haben, so wurde er enttäuscht. In dessen bereits im März veröffentlichter Stellungnahme sprachen sich 13 Mitglieder des Gremiums dafür aus, die Präimplantationsdiagnostik (PID) bei Embryonen aus dem Reagenzglas begrenzt zuzulassen, aber elf Ratsmitglieder waren gegen die Diagnosemethode.

Gespaltenes Votum der Berliner

Auch die Berliner Mitglieder des Ethikrates sind sich uneins. "Wer weiß, was Frauen auf sich nehmen, die sich einer künstlichen Befruchtung durch ihr zuvor entnommene Eizellen unterziehen, und dann von ihr verlangt, sich schwer geschädigte Embryonen einsetzen zu lassen, die sie, sobald die Schäden erkennbar werden, bis zum Ende der Schwangerschaft legal abtreiben lassen kann, der vertritt keine Ethik, für die sich Gründe der Mitmenschlichkeit in Anspruch nehmen lassen", sagte Volker Gerhardt, Philosophie-Professor an der Humboldt-Universität, der Berliner Morgenpost. Und ergänzte: "Wer aber seine Ethik nicht auf Mitmenschlichkeit, sondern auf die allgemeiner gefasste Ehrfurcht vor dem Leben oder auf den Willen Gottes gründet, der sollte so konsequent sein, nicht die PID, sondern die In-vitro-Fertilisation zu verbieten."

Der Berliner Biologe Jens Reich, der 1994 von den Grünen als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten ins Rennen geschickt worden war, ist für die Zulassung der PID in "genau definierten Notsituationen", wie er der Berliner Morgenpost sagte. Seine Auffassung ist: "Der Staat hat kein Recht, mit einem Verbot die Entscheidungsfreiheit des Paares zu beschränken, das sich in einem derartigen Konflikt befindet." Auch die Bürgergesellschaft von 80 Millionen nicht betroffenen Menschen habe kein Recht, die existenzielle Entscheidung von den einigen Hundert betroffenen Paaren zu diktieren. Die Möglichkeiten des reproduktionsmedizinischen Fortschritts und die Verhinderung ihres Missbrauchs seien von der Gesellschaft zu gestalten - und eine Aufgabe, "die sie nicht mit einem Verbot auf dem Rücken von wenigen Paaren in großer Entscheidungsnot abladen darf".

Eine andere Rechung macht die Berliner Rechtsanwältin Ulrike Riedel auf, die im Ethikrat mit Nein gestimmt hat. Sie erinnert daran, dass bei der PID bis zu sechs Embryonen künstlich im Reagenzglas erzeugt werden, um sie einer genetischen Qualitätskontrolle und Auswahl zu unterwerfen: "Vom Ergebnis der Untersuchung hängt ab, ob ein oder zwei Embryonen davon zur Begründung einer Schwangerschaft der Frau übertragen werden und welche Embryonen vernichtet werden." Die Juristin ist der Auffassung, dass diese "gezielte Selektion" die PID "ethisch diametral" von einem Schwangerschaftsabbruch nach Pränataldiagnostik unterscheide, der nur dann rechtlich zulässig sei, wenn anders eine schwerwiegende gesundheitliche Gefahr für die Mutter nicht abgewendet werden könne.

Bischof Wolfgang Huber, bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, appellierte an die Abgeordneten, sich im Bundestag gegen die PID zu entscheiden: "Ein überzeugender Vorschlag für eine auf Dauer verlässliche Begrenzung der PID ist nicht zu erkennen. Ist sie erst einmal zugelassen, so werden neue Diagnosetechniken zu ihrem immer breiteren Einsatz führen. Dann kommt es zur Wahl künftiger Kinder nach den von den Eltern gewünschten Eigenschaften. Die Entscheidung darüber fällt jetzt." Huber bemängelt, dass die PID darauf abziele, unter den Embryonen auszuwählen. So würde eine hohe Anzahl von "überzähligen" Embryonen entstehen, deren Schicksal ungewiss wäre.