Migrationsforscher

"Sarrazin hat Deutschland blamiert"

Migrationsforscher Klaus Bade erklärt das Dilemma mit der Zuwanderung in Deutschland gern anschaulich. "Es kann doch nicht sein, dass der erste Einwanderer seine Einbürgerungsurkunde erst unterschreibt, wenn der letzte Arbeitslose im Jobcenter das Licht ausmacht", sagt Bade, Vorsitzender des Sachverständigenrates Deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR).

"Und vermieden werden sollte ebenfalls, dass qualifizierte Flüchtlinge zurückgeschickt werden, während man gleichzeitig genau diese Berufsgruppen auf dem deutschen Arbeitsmarkt sucht. Nach dem Motto: Alle Mann rein in die Rettungsboote, Diplomingenieure und Ärzte zuerst!"

Bei der Vorstellung des Jahresgutachtens des SVR warnte ein Gremium führender Migrationswissenschaftler unter Bades Leitung die Bundesregierung vor einer Fortführung der aktuellen Zuwanderungspolitik und rief zu einem raschen Umsteuern auf. Laut Gutachten hat Deutschland seinen Status als Einwanderungsland verloren. In den vergangenen 15 Jahren gingen rund eine halbe Million mehr Bürger ins Ausland als von dort neu zuwanderten. "Deutschland ist inzwischen ein alterndes und schrumpfendes Migrationsland", sagte Bade. Insbesondere qualifizierte Menschen im besten Erwerbsalter verließen das Land - ohne dass ausreichend Hochqualifizierte einwandern.

In Deutschland tue sich zudem eine große Kluft zwischen politischen Diskursen und den Einschätzungen der Bürger auf. Für das zweite Jahresgutachten des SVR untersuchten acht Wissenschaftler die Zu- und Auswanderung und die Migrationspolitik in Deutschland. Demnach gerät das Land zunehmend ins Hintertreffen. Denn die Abwanderer sind deutlich leistungsstärker als die erwerbstätige Bevölkerung. So haben 49 Prozent der Abwanderer, aber nur 29 Prozent der Erwerbstätigen im Land einen Hochschulabschuss.

Scharf kritisierte Bade den ehemaligen Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin. Dieser sei als "trompetender Elefant" durch den "Porzellanladen der Einwanderungsgesellschaft" gezogen. Für Bade schoss Sarrazin mit seinen umstrittenen Thesen zur Integration für Deutschland ein "doppeltes Eigentor". "Die Debatte hat im Inneren die Einwanderungsgesellschaft gespalten, und sie hat zum anderen nach außen das Integrationsklima in Deutschland blamiert", sagte der Migrationsexperte. Er gibt damit indirekt Sarrazin eine Mitschuld dafür, dass Deutschland für ausländische Hochqualifizierte wenig attraktiv ist. Das vergangene Jahr sei beherrscht worden von einem "Spiel mit Ängsten, Vorurteilen, Halbwahrheiten, Unterstellungen und unzulässigen Verallgemeinerungen".

Zusätzlich zum Gutachten erstellten die Wissenschaftler das Migrationsbarometer 2011. Dafür wurden mehr als 2450 Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte nach ihren Einschätzungen gefragt. Eine klare Mehrheit von rund 60 Prozent der Befragten befürwortet eine stärkere Zuwanderung von Hochqualifizierten. Ebenfalls gut 60 Prozent halten die Abwanderung aus Deutschland für zu hoch.

Überraschend ist die hohe Zustimmung zu einer verstärkten Aufnahme von Flüchtlingen: 48,5 Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund und 40,9 Prozent der Zuwanderungsbevölkerung befürworten dies.

"Deutschland ist inzwischen ein alterndes und schrumpfendes Migrationsland"

Klaus Bade, Migrationsforscher