"Der kleine Wählerhasser"

Neues Buch gibt intimen Einblick in das politische Berlin

Dass ein Buch über die Bürgerverdrossenheit von Politikern so viele Menschen anlockt, verwunderte sogar Sigmar Gabriel. "Offenbar haben viele die Hoffnung, dass sich heute ein Politiker als Wählerhasser outet", sagte der SPD-Chef mit süffisantem Lächeln.

Bei der gestrigen Vorstellung des Buches "Der kleine Wählerhasser - Was Politiker wirklich über die Bürger denken" (Pantheon Verlag) drängte ein halbes Dutzend Fernsehkameras in den Presseraum an der Straße Unter den Linden. Autor ist der Leiter des Hauptstadtbüros der "Bild"-Zeitung, Nikolaus Blome. Vor der versammelten Hauptstadtpresse wollte Gabriel allerdings nicht offen reden. Lieber sprach er über das schwierige Verhältnis zwischen Gewählten und Wählern. Denn was seine Kollegen tatsächlich über die Bürger denken, überließ er Nikolaus Blome.

Dieser gibt in seinem Buch einen Einblick in das politische Berlin. Der Tenor: Die Bürger sind undankbar und unberechenbar, aber weiterhin leicht zu verführen. Klartext könne man ihnen selten zumuten. Die Frustration zieht sich durch alle Parteien, so Blome. Für den Autor ist dies eine gefährliche Entwicklung: "Denn was die Politik wirklich prägt, ist die Verdrossenheit der Politiker." Sigmar Gabriel wollte dem nicht widersprechen, wehrte sich aber gegen Pauschalisierung. "Es gibt weder die Politiker noch die Wähler." Dennoch sei es richtig, dass die Politik häufig nicht die Realitäten der verschiedenen Bevölkerungsschichten nachvollziehen könne. Gabriel gestand: "Ein gewisses Maß an Differenziertheit ist uns verloren gegangen".